Abgebrannt im Paradies


(nmz) -

Als der Bundesverband der Musikindustrie Mitte März seine neuesten Branchen-Werte bekannt gegeben hatte, in der alten PanAm Lounge in Berlin, im 10. Stockwerk des Hauses Eden, gegenüber dem Haupteingang des Zoologischen Gartens, fühlte man einen Hauch von Morgenwind durch das elende Musikgeschäft ziehen. Endlich stagniere die Abwärtsbewegung der Tonträgerverkäufe, der Downloadmarkt expandiere, rückläufig seien die Zahlen für das Musikverbrennen auf CD. So gab unter diesen Offenbarungen sogar das dunkeltrübkalte Sturmwetter seinen Zorn auf und ließ den offiziellen Vertretern des Verbandes das Licht der Erkenntnis angedeihen. Der Vorstandsvorsitzende des Musikindustrieverbandes, Dieter Gorny, rückte gleich zu Beginn die im Eingangsbereich als Pappfiguren präsenten Musiker von Tokio Hotel ins Zentrum des kreativen Kerns der Musikindustrie. Das Motto von Gornys Predigt: „Musik – Motor für Milliarden“. Ein eingängiger Slogan, so grandios, als hätte ihn Richard Wagner selbst auf den Weg gebracht. Aber der nmz-Leser fragt sofort: Milliarden was? Menschen, Mäuse, Moneten, Manager? Motor für Kreativleistungen wie Schnuffels „Kuschel-Song“ und Alex C.s „Doktorspiele“ oder sein „Du hast den schönsten Arsch der Welt“, Push-Hits von Casting- oder sonstigen Eventbands und Fernsehdurchreichmusiktouristen aus aller Welt? Da versagt selbst Tokio-Hotel-Sänger Bill die Stimme.

Ein Artikel von Martin Hufner.

Ausgabe: 
4/08 - 57. Jahrgang

Bedenklich wird es jedoch dann, wenn eigene Studien kunterbunt in Grafiken gefasst werden, die zum Ergebnis haben sollen, dass bei der sogenannten Internetpiraterie moralische Appelle folgenlos bleiben, hingegen der zivilrechtliche Abmahnweg total erfolgreich sei. Das dazu vorgelegte Chart würde genau genommen jedoch nur den Schluss zulassen, dass Breitbandanschlüsse illegale Downloadaktivitäten nicht fördern, Zivilverfahren fast gar nichts bewirken. Da ging also die Sonne der Statistik leider wieder unter und ließ die Musikindustriellen weiter im Dunkeln sitzen, die umso lauter polterten.

Tatsächlich ist es aber so, dass die Sonne erst in ein paar Milliarden Jahren abbrennen wird. So lange wird sie noch Wärmemotor für Milliarden Menschen bleiben.

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