Auf dem Silber-Tablet serviert

Die Verlage Carus und Henle gehen mit ihren Noten in die App-Offensive


(nmz) -
Unaufhaltsam bahnt sich die Digitalisierung ihren Weg in viele Bereiche unseres alltäglichen Lebens. In der Musikbranche boomt das Geschäft schon länger, seit letztem Jahr hat sie nun auch die Musikverlage erreicht. Noten-Apps in Form von PDF-Readern für Tablets oder Smartphones waren die ersten Vorboten auf dem Markt, bevor im April 2015 der Carus-Verlag, der hauptsächlich auf Chormusik spezialisiert ist, eine neue und in dieser Form einzigartige App auf der Musikmesse in Frankfurt vorstellte: „carus music. the choir app“, eine „Übehilfe“ für Chorsänger in jeglichem Stadium. Seit fast einem Jahr steht die App nun zum kostenlosen Download bereit und wurde bisher von circa 20.000 Chorsängern genutzt und stetig weiterentwickelt.
Ein Artikel von Theresa Awiszus

Die Idee dazu erwuchs aus der Zusammenarbeit mit einem Studenten der Hochschule der Medien Stuttgart. „Dass daraus ein solches Projekt hervorgehen würde, war damals noch nicht klar“, erklärt der Geschäftsführer des Verlags Johannes Graulich. Nach einer zweijährigen Entwicklungsphase wurde das Endprodukt schließlich in einer Berliner „App-Schmiede“ aus der Taufe gehoben.

Chor spielt sich, laut Graulich, überwiegend im Laienbereich ab, weshalb als Grundgedanke zunächst die Frage im Raum stand: Wie kann ein Chorsänger am besten seine eigene Stimme üben? Da der Carus-Verlag nicht nur Noten bereitstellt, sondern auch über ein hausinternes CD-Label mit Aufnahmen hochkarätiger Chöre und Orchester verfügt, lag die Überlegung nahe, für eine solche App beides miteinander zu verknüpfen. So kann man in der App nicht nur die Noten mit einem bunten Cursor zu einer laufenden Aufnahme verfolgen, sondern zusätzlich einen „Coach“ einstellen: Dieser hebt die jeweils gekaufte Stimme mit einem Klavier hervor, sodass man die eigene Stimme im Gesamtklang von Chor und Orchester hören und mitsingen kann. Zusätzlich gibt es eine Funktion, mit der man das Tempo auf 70 Prozent verringern und so gezielt schwierige Stellen langsamer üben kann. Als weiterer Punkt seien die komfortablen Navigationsmöglichkeiten zu nennen, mit denen man bequem durch Wischen in der Ausgabe blättern und per Fingertipp in einzelnene Takte springen kann.

Das Standardrepertoire für Chor mit mittlerweile 39 zu erwerbenden Werken soll kontinuierlich erweitert werden, allerdings ist die Synchronisation von Aufnahme und Klavier ein sehr aufwendiger und noch von Hand gemachter Prozess, sodass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis der gesamte Katalog online ist. Zudem sind auch weitere Projekte in digitale Richtung geplant, die zumeist in Kooperationen mit Hochschulen oder dem Fraunhofer Institut in Erlangen in Angriff genommen werden. Eines davon ist „Chorossimo Blue“, das Kindern in der Sekundarstufe 1 dabei helfen soll, den Schritt von der Ein- in die Mehrstimmigkeit zu überwinden, berichtet Graulich. „Denn unsere Angebote sollen auch motivieren und Spaß am Singen vermitteln.“

Seit Februar 2016 ist nun auch eine zweite App im klassischen Musikbereich auf dem Markt: die „Henle Library“-App, die in ihrer jetzigen Form ebenfalls einmalig ist. Unter großem Aufwand entwickelten die Henle-Mitarbeiter zusammen mit der Firma Touchpress aus London eine App, die dem User unverfälscht den korrekten Referenztext der Urtext-Ausgaben bereitstellt. Zudem gibt es vielfältige individuelle Gestaltungsmöglichkeiten: Mit einem eigens entwickelten Annotationsprogramm kann man sich in den Noten beliebig notieren, was man sonst vielleicht vergessen würde. „Was bei den Musikern besonders gut ankommt, ist die Funktion, mit der man Fingersätze und Bogenstriche verschiedener Künstler wählen, sie frei ein- und ausstellen und sogar selbst ändern kann“, beschreibt Anna Leibinger vom Henle Verlag. Daneben gibt es unter anderem eine Aufnahme- und Abspielfunktion, mit einem Bluetooth-Pedal kann man bequem die Seiten umblättern und mit dem 2-Finger-Tap kann man bei einem Wiederholungszeichen zurück zum Anfang springen.

Ein wenig umständlich ist lediglich die Art der Bezahlung mit sogenannten Credits: Apple gibt dabei die Preis-einheiten vor, die erst bei 99 Cent (10 Credits) beginnen. Da der Henle Verlag in der App die Werke aber nicht nur in kompletten Sammlungen verkauft, sondern man beispielsweise auch bloß ein Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier erwerben kann, sollten auch kleinere Einheiten möglich sein. So wird es zwar günstiger, je mehr Credits man kauft, auch vor allem, um treue Kunden zu belohnen, allerdings wird dadurch die Umrechnung wiederum ein wenig erschwert. Doch diese Kleinigkeit trübt die sehr schön gelayoutete und übersichtliche App kaum. „Wir haben sehr gutes Feedback von den Musikern bekommen und sind sehr glücklich über den Erfolg der App“, so Leibinger. Bisher wurde die App sehr gut angenommen, rund 15.000 Downloads gab es innerhalb der ersten zwei Wochen. Das Ziel ist es, bis Ende 2018 den kompletten Henle-Katalog online zur Verfügung zu stellen. Über weitere Projekte wird bereits nachgedacht.

Obwohl die beiden Verlage mit ihren Apps komplett unterschiedliche Konzepte präsentieren, verfolgen sie doch ein gemeinsames Ziel, nämlich den Schritt in Richtung Digitalisierung. Und noch in einem weiteren Punkt sind sich Carus und Henle einig: Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis das Printmedium von der Bildfläche verschwindet – wenn das überhaupt jemals passiert. Bis dahin sollten die digitalen Medien aber nicht als der Feind, sondern als sinnvolle Ergänzung zum Print angesehen werden.

Weitere Informationen und eine detaillierte Anleitung zur Chor-App und zur Henle Library-App gibt es unter www.carus-music.com und unter www.henle-library.de. Beide Apps können kostenlos heruntergeladen werden. Bei Carus besteht durch In-App-Käufe die Möglichkeit, Ausgaben für die jeweilige Stimme zu kaufen. Eine Ausgabe liegt zwischen 0,99 und 14,99 Euro. In der Henle Library kostet beispielsweise ein Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier Teil I von Bach 4 Credits (0,40 Euro), die ganze Sammlung liegt bei 210 Credits (17,99 Euro), Sämtliche Klaviersonaten von Beethoven kosten 720 Credits (knapp 54 Euro).

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