Aus der Zeit gefallen


(nmz) -

Die erschütternde Erfahrung des Ersten Weltkriegs, an dem er als Frontsoldat bei Verdun teilnahm, machte aus dem einstigen Violinvirtuosen Lucien Durosoir (1878–1955), der einst bei Tournemire studiert hatte, einen Komponisten aus innerer Notwendigkeit. Folglich setzt sein Schaffen erst 1919, mit seiner Entlassung aus der Armee, ein. Für sein Instrument zu schreiben, lag da zunächst besonders nahe, und die auf der CD enthaltenen, für die Geige überaus dankbaren Werke, entstanden im wesentlichen bis 1927. 1950 sah sich Durosoir, der noch im Alter kleine Kinder zu ernähren hatte, gezwungen, seine sorgsam gehütete Guarneri verkaufen; seltsamerweise hat er nie versucht, eine seiner immerhin 41 Kompositionen zum Druck zu befördern.

Ein Artikel von Mátyás Kiss.

Dabei lohnen sie – nach diesen sorgfältig vorbereiteten und edierten Einspielungen zu schließen – das Kennenlernen, da Durosoir keiner der musikalischen Strömungen zwischen den Kriegen folgt: Seine Klänge, allen voran die luzide Behandlung des Klavierparts in den Duowerken, wirken wie aus der Zeit gefallen.

Von den drei Streichquartetten in verschiedenen Molltonarten holt das erste von 1919/20 mit seinen vier Sätzen und einer guten halben Stunde Spieldauer am weitesten aus (die beiden anderen sind nur dreisätzig angelegt). Jedes der Werke jedoch stellt höchste Ansprüche an das Können der Streicher und die Auffassungsgabe der Hörer. Durch anfänglich aufkommendes impressionistisches Flirren scheint Durosior zwar an unmittelbare kompositorische Vorgänger anknüpfen zu wollen, seine tief ernste, kompromisslos kontrapunktische Tonsprache – eine veritable musica reservata – aber erweist sich als so eigen, dass man als nächstes die Orchesterwerke kennenlernen möchte. Einstweilen gebührt dem Diotima-Quartett ein dickes Lob für seinen rückhaltlosen Einsatz.

Beschriebene Rezensionsobjekte: 

Lucien Durosoir: Musik für Violine und Klavier - Streichquartette

  • Lucien Durosoir: Musik für Violine und Klavier: Sonate in a-Moll, 5 Aquarelle, Einzelstücke
  • Geneviève Laurenceau, Violine, Lorène de Ratuld, Klavier.
  • Alpha/Note
  • Bestellnummer: 1 105
  • Lucien Durosoir: Streichquartette 1–3; Quatuor Diotima.
    Alpha 125

Bewertung:5 von 5 Punkten

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Ähnliche Artikel

Schatten-Existenz - Woldemar Bargiel: Klaviertrios
04.05.2009 Ausgabe 5/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Hanspeter Krellmann
Symphoniker der Weltgesetzlichkeit - Die Wiederentdeckung des Komponisten Siegmund von Hausegger
05.09.2008 Ausgabe 9/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Christoph Schlüren
Sachliche Romantiker - Johannes Brahms: 3. Symphonie; Robert Schumann: Klavierkonzert; Richard Strauss: Till Eulenspiegels lustige Streicher
07.11.2008 Ausgabe 11/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Christoph Schlüren
Hommages à Oistrach - David Oistrach spielt Ernst Hermann Meyer: Violinkonzert, Mozart: Violinkonzert A-Dur, Bach & Vivaldi: Violindoppelkonzerte, Leclair, Kodály
07.11.2008 Ausgabe 11/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Christoph Schlüren
Vom Musik-Establishment unter den Teppich gekehrt - Das Raritäten-Traditionslabel Lyrita schüttet sein Füllhorn aus
19.02.2009 Ausgabe 2/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Christoph Schlüren
Repertoire-Recherche - Deutsche Flötenkonzerte (Weltersteinspielungen) von Peter von Winter/Franz Lachner/Antonio Rosetti.
01.02.2009 Ausgabe 2/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Hans-Dieter Grünefeld
Franz Schreker und seine Schüler - Das Symphonieorchester Luzern unter John Axelrod mit Schreker-Ersteinspielungen
02.03.2009 Ausgabe 3/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Peter P. Pachl