Aus einem Bley-Guss


(nmz) -

Carla Bley: The Lost Chords

Ein Artikel von Andreas Kolb.

Ausgabe: 
6/04 - 53. Jahrgang

WATT32/ECM 981 7953

Carla Bley sei weit über ihren Zenit hinaus, von ihrer Musik gingen keine neuen Impulse und Ideen aus, stand vor einigen Wochen in einem Artikel in der Jazzzeitung (April 2004, Dossier „familien-bande“) zu lesen. Dabei belegen gerade die beiden jüngsten (Konzept-) Alben der Bley, dass sie sehr wohl am Puls der Zeit ist. Die Big Band Aufnahme „Looking for America“ ist eine dezidiert politische Musik, die sich nicht an Tagesereignissen aufhält oder ideologisch anwendbar sein will. Das Nachfolgealbum „Lost Chords“ – in Quartettbesetzung mit Lebensgefährte Steve Swallow am Bass, Andy Sheppard, Saxophon, und Billy Drummond am Schlagzeug, ist ein für Carla Bley typisches, nur scheinbar simples Spiel mit Jazz- und Rockklischees und zugleich amüsante Reflexion über die nicht immer einfachen Lebensbedingungen von zu lebenslangem Reisen verurteilten Musikern. Auch der Plot des Albums – die „Lost Chords“ sind dessen kompositorische Grundidee – geht auf die Situation eines Kreativen ein, der zwischen Aufbau und Konzert ein paar geniale Ideen festhält, nach denen er schon lange, eigentlich Zeit seines Lebens gesucht hat: Carla Bley kritzelte Akkordskizzen auf die Rückseite eines Konzertprogramms. Später, nach dem Konzert, merkte sie zu ihrem Schrecken, der Zettel war unwiederbringlich verloren. War es auch die Musik? Vielleicht die speziellen Akkorde, die sie notiert hatte – geblieben war der Antrieb für eine künstlerische Suche, an deren Ende mehrere suitenartige Kompositionen, ein ausgereiftes Konzertprogramm und ein neues Carla Bley-Album stehen. Nicht innovativ, neu oder anders, sondern mindestens so gut wie viele seiner Vorgänger.

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