Avanciertes, Provokantes und ein Jubilar

Der Komponist Steve Reich stand im Fokus des diesjährigen TonLagen-Festivals Dresden


(nmz) -
TonLagen, das Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik, stand diesen Herbst ganz im Zeichen von Jahrestagen. Vom 1. bis 16. Oktober widmete es sich der vor exakt 100 Jahren erfolgten Eröffnung des Festspielhauses Hellerau. Zugleich gedachte man eigener Ursprünge sowie mit einem durchgehenden Fokus des 75. Geburtstages von Steve Reich.
Ein Artikel von Michael Ernst.

Punktgenau zur Eröffnung der TonLagen sind in Hellerau die letzten Gerüste am frisch restaurierten Heinrich-Tessenow-Bau gefallen. Am Giebel des vor 100 Jahren in der ersten deutschen Gartenstadt geweihten Hauses prangt nun wieder das Yin-und-Yang-Zeichen.

Das Festival selbst ging aus den 1986 ins Leben gerufenen Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik hervor, durfte ein Vierteljahrhundert Bekenntnis zur Moderne feiern. Seinerzeit von Komponist Udo Zimmermann gegründet, der widerständig das gleichnamige und rasch auch international beachtete Zentrum etablierte, reifte die Institution zum Europäischen Zentrum der Künste und wird seit 2009 von Intendant Dieter Jaenicke geleitet. Der wollte mit TonLagen, so inzwischen der Name des neu konzeptionierten Festivals, einen Großmeister Neuer Musik gesondert hervorheben. Steve Reich, der am 3. Oktober seinen 75. Geburtstag begehen konnte, kam tatsächlich nach Hellerau, mischte in einigen Konzerten auch musikalisch mit und war gefragter Gesprächspartner für Presse und Publikum.

Mit dem „Fokus Steve Reich“ ist eine Auswahl wesentlicher Arbeiten erstmals in Dresden erklungen. Als klatschender Auftakt sollte im Stadtgebiet mit „Clapping Music“ das Festival und so auch sein „Fokus“ beworben werden. Rund 200 Schülerinnen und Schüler zogen in Regie von Annette Jahns mit diesem rhythmusbezogenen Werk aus dem Jahr 1972 durch öffentlichen Raum.

Distanz zu Legendenbildungen

Brücken anderer Art errichtete Cellist Jan Vogler um Steve Reichs „Counterpoint“ (2003) herum, das er neben Kompositionen von Kurtág und Lutoslawski mit Bach-Fragmenten kontrastierte. Das Oratorium „The Cave“ entstand 1993 zu den Wiener Festwochen als Gemeinschaftsproduktion von Steve Reich und seiner Frau Beryl Korot, die Video- und Textcollagen zur vermeintlichen Begräbnisstätte des vermeintlichen Abraham schuf. In teils recht langatmigen Ansätzen wurden Vertreter dreier Religionen, die sich auf diesen Mythos berufen, mit identischen Fragen konfrontiert. Das Ergebnis, diverse Legendenbildungen und Wissensstände, wurde auf fünf Großbildschirmen wiedergegeben und rieb sich an der mitunter monotonen Musikalisierung gesprochener Worte. Die brillante Interpretation durch das Frankfurter Ensemble Modern wurde freilich vom Komponisten aufs Höchste gelobt. Im mau besetzten Auditorium hingegen machte sich spürbar Distanz breit.

Das war beim „Tehillim“-Konzert anders. Reichs minimale Entfernung vom pur Minimalistischen stammt von 1981 und bezieht sich auf hebräische Psalmen. Diese besondere Form des Musiktheaters wurde von der Dresdner Philharmonie unter Brad Lubman präsentiert und mit „Cruel Sister“ der 1958 geborenen Julia Wolfe, verbunden. Ihr dramatisches Opus wirkte neben „Tehillim“ recht disparat.

Klang-Farben zum Hören

Der Höhepunkt zum amerikanischen Urgestein der Moderne war im ausverkauften Abend „Celebrating Steve Reich“ gegeben. In seinem Stück „Drumming“ (1971) für vier Schlagzeuger an acht kleinen Trommeln wirkte der Jubilar eindrucksvoll selbst mit, ebenso in der hier von 19 Interpreten wiedergegebenen „Music for 18 Musicians“ (1974–76). Das Ensemble Modern und die Sängerinnen von Synergy

Vocals boten spannende Höchstleistungen und interpretierten dieses Schlüsselwerk – ein Konstrukt aus Taktskalen, minimalen Tonfolgen und instrumental genutzten Stimmen, das mal urwüchsig nach rituell-folkloristischen Inspirationsquellen tönte und sich zwischendrin als kleine Ikone der Moderne zu behaupten verstand – in unwiderstehlicher Qualität. Das Publikum war von diesen Klang-Farben zum Hören begeistert. Als Erstaufführung in dieser Version rundete das „Double Sextet“ (2007) mit bestechendem Formenkanon die musikalische Steve-Reich-Feier ab.

39.000 Jahre zurück und in die Hedgefonds von heute

TonLagen 2011 waren aber keineswegs nur ein Fest dieses Jubilars. In vitaler Nachfolge jener 25 Jahre Neuer Musik wurde Avanciertes und Provokantes geboten. Als enge Verbindung von Film und Musik stand das Projekt „Cinema Jenin – A Symphony“. Gekoppelt mit dem ergreifenden Streifen „Das Herz von Jenin“, in dem Regisseur Marcus Vetter Tatsachen des Nahost-Konflikts dokumentiert, haben die Dresdner Sinfoniker Sequenzen des für einen weiteren Dokumentarfilm gedachten Musikmaterials von Kayhan Kalhor uraufgeführt. 

Von solchen Visionen reichte das Gebotene aber auch mal 39.000 Jahre zurück – zu einem Flötenfund auf der Schwäbischen Alb. Was damals aus Flügelknochen eines Schwans gefertigt und nun rekonstruiert wurde, brachte erstaunliche Töne hervor. Aus der Jetztzeit ins Vergangene und wieder zurück nach vorn hörte sich auch der Widerspruch „Ferne Nähe“ an, eine Kammeroper von Daniel Smutny, in der dem 1976 Geborenen eine Mixtur aus Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Edgar Varèse und Bernd Alois Zimmermann gelang, angesiedelt in der kriminellen Hedgefonds-Welt.

 

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