Berlins Schulsenator brüskiert Musikschul-Szene
Auch dem Regierenden Bürgermeister Wowereit sind Musikschulen egal
Ein Artikel von Anno Blissenbach.
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zeigte menschliche Größe, nicht nur weil er die Schirmherrschaft übernommen hatte, sondern da er bei seiner Rede im philharmonischen „Plenarsaal“ kein Blatt vor den Mund nahm: Ohne Rücksicht auf seine parteipolitische Verbundenheit zur SPD-geführten rot-roten Landesregierung kritisierte er heftig sowohl den erbärmlichen politisch-verwaltungsmäßigen Zustand der Berliner Musikschulen und deren miserable Finanzausstattung als auch den viel zu niedrigen Stellenwert, welcher dem hochqualifizierten Lehrpersonal eingeräumt werde. Die Zuhörer spürten deutlich: dies war keine leere Rhetorik, die Berliner Musikschul-Realität macht Thierse im Innersten zutiefst betroffen. Allein in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow stehen 4.000 Menschen auf der Musikschulwarteliste. Und so forderte Thierse die Musikschul-Lehrkräfte auf, „anständigen demokratischen Protest“ zu machen und rief aus: „Mischen Sie sich ein, fordern Sie von Ihren Bezirkspolitikern, dass Sie informiert und eingebunden werden!“
Neben ungezählten Musikdarbietungen – bei denen 900 der 41.000 Berliner Musikschul-Schüler/-innen auf diversen Podien auftraten und Hundertschaften der gut 2.000 Berliner Musikschul-Lehrkräfte mitgearbeitet hatten – war ein Herzstück des Musikschultags die hochkarätig besetzte politische Podiumsdiskussion „Klartext: Noch ein Bericht für die Tonne? – Perspektiven des Kommissionsberichtes zur Lage der Berliner Musikschulen“.
Unter Leitung von Christian Höppner (Generalsekretär des Deutschen Musikrates), diskutierten Matthias Pannes (VdM-Bundesgeschäftsführer) sowie die Landespolitiker (MdA): Thomas Birk (Grüne), Mieke Senftleben (FDP), Sascha Steuer (CDU), Felicitas Tesch (SPD), Mari Weiß (Linke).
Eingespielt wurden Statements von Lehrervertretung (LBM), Leitern (LAG), Elternvertretung sowie der gastgebenden Intendantin. Leer indes blieb der Stuhl hinter dem Namensschild von Schulsenator Zöllner (SPD), der es nicht einmal für nötig befunden hatte, seinen Staatssekretär zu schicken. Den musikschulpolitischen Offenbarungseid zu leisten, überließ er somit Frau Tesch, die beinahe Mitleid erregte, als sie achselzuckend verkündete, nicht für die Fraktion sprechen zu dürfen, weil der Senat den Kommissionsbericht noch nicht ins Abgeordnetenhaus eingebracht habe. Von Podium wie Publikum wurde dieses grobe Versäumnis als ignorant, ja skandalös empfunden, zeigt der Kommissionsbericht doch Wege auf, wie der system-immanenten „Gefährdung des Berliner Musikschulwesens“ (O-Ton „Qualitätsentwicklungsbericht Musikschulen“ der Senatsverwaltung) Einhalt geboten werden könnte.
Wen wundert’s da, dass Wowereit sich wegduckt, beim Musikschultag weder physisch auftauchte noch per Grußwort im Programmheft? Auf Bundesebene agieren Wowereit und Zöllner analog: So fehlte Berlin bei der wichtigen VdM-Hauptarbeitstagung Anfang Mai in Schwerin, schickte nicht mal einen unteren Beamten, was in VdM-Kreisen erheblichen Unmut ausgelöst hat, insbesondere, da Matthias Pannes sich stets redlich um Berlin bemüht.
Auch in vielen weiteren Politikfeldern fällt der einst so beliebte „Regierende“ in letzter Zeit zunehmend durch Bürgerferne, Selbstherrlichkeit und Ignoranz auf. Und so wird immer häufiger prognostiziert, dass Wowereit nach der Berliner Wahl im Herbst 2011 entweder Juniorpartner unter Renate Künast sein wird oder Oppositionsführer gegen eine Jamaika-Koalition. Da die Musikschul-Ignoranz der amtierenden Landesregierung nicht mehr überbietbar ist, könnte der Musikschul-Welt beides Recht sein: am Tiefpunkt angekommen kann es nur noch aufwärts gehen.
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