Das Gefühl zu haben, immer besser zu werden
Musizieren 50 plus – zu einem Kongress des Deutschen Musikrates und Partnerverbänden
Ein Artikel von Christian Höppner.
Diese schöne Episode zeigt, welche Potentiale zu schöpfen wären, wenn wir musikalische Bildung als einen lebensbegleitenden Prozess begreifen würden. Langsam dämmert in der öffentlichen Meinungsbildung die Bedeutung musikalischer Bildung für das Individuum und die Gesellschaft auf – fokussiert auf Schule und Musikschule. Erste Blicke richten sich auf die musikalische Frühförderung und das Musizieren im dritten Lebensalter. Die „mittlere“ Generation und die Bedeutung der Musik am Ende eines Lebens – das vierte Lebensalter – bleiben weitgehend ausgespart.
Die Erkenntnis, dass musikalische Bildung neun Monate vor der Geburt beginnt, schließt das pränatale Musizieren genauso mit ein wie die musikalische Bildung werdender Eltern. Diese Frühförderung ist kein Tribut an jene ehrgeizigen Eltern, die sich bereits während der Schwangerschaft ein verstärktes Synapsenwachstum für ihren Nachwuchs wünschen, sondern steht für die enormen Wirkungen der Musik in der vor- und nachgeburtlichen Prägungsphase bis etwa zum 13. Lebensjahr. In dieser Zeit werden wesentliche Grundlagen für die Differenzierungs- und Ausdrucksfähigkeiten gelegt – und wenn nicht? Welche Chancen verbleiben für diejenigen, denen nicht eine kontinuierliche musikalische Bildung vergönnt war?
Es ist nie zu spät! Das ist eine der zentralen Botschaften des Kongresses „Es ist nie zu spät – Musizieren 50+“, der vom Deutschen Musikrat und den beteiligten Partnern vom 1. bis 3. Juni 2007 in Wiesbaden veranstaltet wird. Ob mit Vorerfahrung oder ohne – der Einstieg in die Welt des Musizierens kann in jedem Alter gelingen, wenn die damit verbundenen Ziele und Rahmenbedingungen stimmen. Beispiele dafür gibt es mehr und mehr – aber noch viel zu wenig, wenn man bedenkt, wie viele Kreativpotentiale brach liegen. Potentiale, auf deren Aktivierung unsere Gesellschaft angesichts vielfältiger He-rausforderungen nicht verzichten darf. Potentiale, die – ausgeschöpft – abseits aller Verwertungsinteressen das Leben lebenswerter machen können; ganz im Sinne von Yehudi Menuhins Satz: „Die Musik spricht für sich allein, vorausgesetzt wir geben ihr eine Chance.“
Mit den Rahmenbedingungen (= Chancen) befasst sich der Kongress, mit der Musik der kongressbegleitende Orchesterkurs. In der Kombination mit herausragenden Praxisbeispielen werden konkrete Ziele und Handlungsempfehlungen für Politik und Zivilgesellschaft erarbeitet und in einem Abschlusspapier zusammengefasst werden. Die Diskussion um den demographischen Wandel belegt einmal mehr, dass uns der fragmentierte Blick auf einzelne Lebensabschnitte in neue Gettofallen steuert. Wir brauchen keinen „musikalischen Seniorenteller“ sondern Angebote, die generationenübergreifend wirken können. Die Mehrgenerationenhäuser stehen für eine Idee des Brückenbaus zwischen den Generationen, wofür die Musik das Fundament bilden kann. Warum also nicht zum Beispiel bei „Jugend musiziert“ eine neue Kategorie „Familienmusizieren“ einführen? Warum nicht die Altersbegrenzung in den Musikschulen aufheben, die noch das Präfix Jugend tragen? Musikschulen sind für alle da – nicht nur für die Jugend.
Wie privat darf, wie privat muss musikalische Bildung sein? Die Aussage eines bedeutenden Bundespolitikers „Die Alten musizieren doch sowieso, egal ob der Staat da investiert oder nicht“ zeigt, dass der Acker des Musiklandes Deutschland – auf dem Weg zu einer Wissens- und Kreativgesellschaft – bei weitem noch nicht bestellt ist. Die Rahmenbedingungen für ein ganzes musikalisches Leben zu verbessern, bleibt eine Aufgabe in öffentlicher Verantwortung. Die Perspektive dafür hat Pablo Casals so trefflich formuliert, der auf die Frage, warum er als 93-Jähriger immer noch täglich mehrere Stunden Cello übe, antwortete: „Weil ich das Gefühl habe, noch immer besser zu werden.“
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