Das intelligente Gespräch verstummt nicht
Zehn neue Streichquartette bei den Kasseler Musiktagen 2007
Ein Artikel von Gerhard Rohde.
So schaute man sich also um in Asien, China, Aserbaidschan: Mugham und Jazz, zeitgenössische Musik, Kurzfilme, Lesungen und Bildende Kunst vermittelten informative Einblicke in Kultur und Leben dieser Länder. Der prüfende Blick fiel freilich auch ins eigene, abendländische Seelenleben, wo sich Gegenwart und Vergangenheit kreuzten. So traten Klavierkompositionen Wolfgang Rihms mit Werken von Schubert, Schumann, Bach und Beethoven in Dialog, wobei der Pianist Markus Bellheim den Vermittler spielte. Und im Zentrum standen acht Konzerte, in denen acht verschiedene Quartettformationen sämtliche Beethoven’schen Streichquartette aufführten und mit insgesamt zehn Uraufführungen junger Komponisten konfrontierten.
Neben Toshio Hosokawa, den man sicher nicht mehr zu den ganz „Jungen“ zählen kann, hatten Luis Antunes Pena (Jahrgang 1973), Márton Illés (1975), Richard Whilds (1966), Konstantia Gourzi (1962), Maximilian Jehuda Ewert (1974), Tadeja Vulc (1978), Marc-Aurel Floros (1971), Hauke Jasper Berheide (1980) sowie Alexander Muno (1979) Kompositionsaufträge ausgeführt. Die Uraufführung besorgten so renommierte Quartettvereinigungen wie das Quatuor Ysaÿe, das Tokyo String Quartet, das Nomos-, das Keller-, das Athena- und das Kuss-Quartett, das Auryn-Quartett und das Arditti Quartet.
Gewiss ist Beethovens Nähe mit Risiken verbunden – eingezwängt zwischen drei „Rasumowskys“ (Opus 59) und dem „Dankgesang eines Genesenen“ (Opus 132), erschienen manche der Uraufführungen wie Zwerge unter Riesen. Wobei die Slowenin Tadeja Vulc und Maximilian Ewert mit ihren durchaus gefälligen Stücken „Der Puls“ und „Herito“ Glück hatten insofern, als die Ardittis einmal mehr demonstrierten, dass sie zwar höchst kompetent komplizierteste Novitäten zu exekutieren verstehen, bei Beethoven aber, etwa in Opus 131, öfters wie überanstrengte Novizen agierten. Trotz alledem ist festzustellen, dass sich einige der neuen Streichquartett-Kompositionen respektabel im erdrückenden Umfeld zu Ton und Wort melden konnten.
Hosokawa vor allem bewies mit dem Quartett „Blossoming“ wiederum seine eigene Handschrift. Er denkt dabei an den Lotos, das Symbol des Buddhismus: Tief im Schlamm verwurzelt, streckt er sich durch die Wasseroberfläche dem Himmel entgegen. Hosokawa erfasst diese Ausspannung in entsprechenden Tonlagen: eine Musik feinster Schwingungen, gespinstartiger Lineaments, deren Pianissimo-Gestus freilich einmal durch eine energisch-dynamische Eruption durchbrochen wird: ein Gewitter?
Der Portugiese Luis Antunes Pena nennt sein Stück „Echo und die unvermeidbare Natur des Übergangs“. Kräftige Akkorde, fließende Bewegungen suggerieren eine Zeitstruktur, am Ende verliert sich das Werk ein wenig in minimalistischen Floskeln. Marc-Aurel Floros hatte in dem Werk „Grenzgänger“ innere Klanglandschaften komponiert, fern jeder avantgardistischen Radikalität, aber lebendig im Wechsel fließender Passagen und fast heftig rhythmisierter Abschnitte. Blumenassoziationen auch bei Alexander Munos „Fragments d‘un amour inachevé“. Zarte Fliederblütenklänge münden in leidenschaftliche Gesten, sie gehen im zweiten Abschnitt in einen elegisch-kontemplativen Epilog über.
Etwas geschmäcklerisch ist das alles schon. Dafür überzeugte Márton Illés „Torso V“ durch kraftvolles lineares Vorantreiben komplexer Raumstrukturen, woraus sich entsprechende Klangspannungen ergeben. Das Wichtigste an diesem Projekt war wohl, dass sich die Gattung Streichquartett einmal mehr in ihrer sehr gegenwärtigen Vitalität darstellte. Das musikalische „Gespräch unter vier intelligenten Personen“ erscheint um so wichtiger, weil sich in unserer Lebenswirklichkeit das Gespräch mehr und mehr zu gestanzten Worthülsen nivelliert. Die Kasseler Musiktage arbeiteten gleichsam thematisch-musikalisch gegen das reale Geplapper an. Dafür Dank!
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