Das kenn’ ich doch
Ein Artikel von Max Nyffeler.
Die Methode, mithilfe von Wiedererkennungsmechanismen Lösungen für komplexe Probleme zu finden, nennt Gigerenzer Rekognitionsheuristik. Seine auf den ersten Blick provozierende Behauptung, dass aus individueller Unwissenheit eine kollektive Intelligenz erwachsen könne, untermauert er mit Daten und Versuchsreihen, die schwer zu widerlegen sind.
Solche Erkenntnisse lassen sich zweckorientiert anwenden, etwa im Marketing: Ist ein Produkt einmal als Qualitätsprodukt im Markt verankert, kommt der Wiedererkennungseffekt in Gang – der Käufer nimmt es „intuitiv“ als das Bessere wahr. Das gilt auch im Handel mit musikalischen Produkten, im Verlags-, Veranstalter- und Mediengewerbe. Dazu gehört auch die zeitgenössische Musik, seit sie aus ihrer Nische herausgetreten ist und zunehmend große Säle zu füllen vermag. Ihr Publikum entspricht am deutlichsten dem Typus des halb informierten Laien – dies ist ohne Geringschätzung gesagt. Sein Hauptkriterium ist nicht die nur den Spezialisten zugängliche, analytisch begründbare „kompositori-sche Qualität“, sondern die Wiedererkennbarkeit des Künstlernamens: Was allgemein bekannt ist, muss besser sein als das, wovon keiner spricht.
Da spielt es dann keine Rolle, dass von Komponist A die Insider wissen, dass ihm nichts mehr einfällt, dass von Dirigent B die Musiker sagen, man könne bei ihm spielen, was man wolle, weil er eh nichts höre, und dass unter den Händen des weltberühmten Interpreten C alle Stücke gleich klingen. Das interessiert das breite Publikum nicht. In seinen Augen bürgen sie für Qualität, denn irgendwann einmal haben sie sich ja mit außergewöhnlichen Leistungen ihren Marktwert erobert.
Ein erfahrener Veranstalter weiß, dass er an solchen Erwartungen nicht vorbeiprogrammieren darf, und er bemüht sich deshalb um einen ausgewogenen Mix von Bekanntem und Unbekanntem. Es wäre zweifellos verantwortungslos, wenn er sich nur dem Spiel mit der Wiedererkennbarkeit überließe. Doch spricht das nicht gegen die begründete Annahme, dass im heuristischen Urteil des Publikums gleich viel Wahrheit über die Qualität der Werke steckt wie in den kenntnisreichen Analysen von Spezialisten?
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