Das Thema Stadt als kompositorischer Impuls
Vier junge Komponisten konfrontieren sich mit der Retortenstadt Dubai
Ein Artikel von Achim Ost.
Musik, zumindest in jeglicher hochkulturellen oder religiös akzentuierten Bedeutung, war in Dubai seit der Einführung des Islam verboten – tausend Jahre lang. Insofern war die Aufhebung des Verbots vor etwa 400 Jahren auch ein soziales Experiment: Kann sich Musikkultur aus dem Nichts entwickeln? Und wie? Vor 50 Jahren war Dubai ein kleines Fischerstädtchen an der Meerenge zum Persischen Golf, dann kam das Öl. Heute ist Dubai eine Megastadt ohne Mitte, ohne gewachsene Stadtkultur und ohne Fußgänger, die jedem gelernten Mitteleuropäer die Panik in die Knochen treiben muss.
Zumindest Jörg Widmanns Reaktion auf Dubai war panisch. Seine „Dubairischen Tänze“ auf Ländler- oder Walzer-Basis klingen wie eine komponierte Satire auf das Genre, aber so, wie Dubai eine Satire auf die moderne Stadt ist: eine wahnsinnige Übertreibung. Es könnte aber auch sein, dass die musikantischen alpinen Halteseile, an denen er sich entlang hangelt, nichts Launiges sind, sondern panisch ins harte Gestein gebohrte Haken, weil sich auf der Tanzfläche der Stadt beängstigende Schräglagen und Abgründe aufgetan haben. Dubai muss Jörg Widmann tief befremdet und verunsichert haben, so dass er keinen anderen Ausweg wusste als laut im Walde zu pfeifen und sich ans urbekannte Kindheitsmaterial zu halten, das manchmal wie eine Lustigmacherei erscheint, aber alles andere als unbeschwert daherkommt.
Markus Hechtles Stück „Leeres Viertel“ (das ist zugleich der Name der Sandwüste in der Landessprache) basiert auf der Wahrnehmung unversöhnter Widersprüche. Die tausend Jahre ohne Musik, die endlose Sandwüste auf der Arabischen Halbinsel haben sich für ihn übereinander geschoben zu einer lang andauernden Periode streng strukturierter, also gewissermaßen erbarmungsloser Leere: Clavés, nichts als Clavés hört man, in ständig wiederkehrenden, ständig variierten Formen und Konzentrationen. Bis irgendwann ein Ton erklingt, ein langer, immer gleicher Ton, der dann in allen seinen Parametern anschwillt und in eine triumphale Kumulation einmündet, die von der streng strukturierten Stille des ersten Teils so weit entfernt ist wie die heutige Stadt Dubai von der Wüste, in der die Stadt liegt. Also Lichtjahre weit und zugleich gar nicht.
Márton Illès dagegen versucht, sich nicht beeindrucken zu lassen. Seine Komposition „… Körök …“ (Kreise) zirkelt eine Innenwelt ab und stattet sie mit eigenen Gesetzmäßigkeiten aus, die seltsam autark wirken – ein Stück, das er so schon in Teilen nach Dubai mitgenommen haben und dort fertiggestellt haben könnte.
Ganz anders als Vykitas Baltakas „Lift to Dubai“. Er versucht, sich Dubai zu nähern wie jeder anderen Stadt, also wahrnehmend, Eindrücke sammelnd und verarbeitend. Er hat Klangmaterial gesammelt und verfremdet und montiert es zu einer urbanen Musik- und Geräuschcollage, ohne Panik und ohne jegliche gegen die soziale Umgebung gerichtete Emotion. Radiostimmen stehen gleichberechtigt neben musikalischen Fragmenten und Stadtgeräuschen – Dubai soll sich, bitteschön, abbilden lassen. Hat sich Dubai abbilden lassen, als hyperaktive und zugleich tote Stadt, als geschichtsloses und zugleich uraltes Kulturphänomen? Dubai hat die Komponisten tief verunsichert; das Ensemble Modern hat das zeigen können.
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