Die Urgroßmutter des Kinos in der Oper

Dimitri Terzakis’ „Die Irrfahrten des Odysseus“ in Chemnitz uraufgeführt


(nmz) -
Tiefer kann man kaum schürfen im Urgrund der abendländischen Kultur, um auf Neues zu stoßen: Dimitri Terzakis, Jahrgang 1938, in Leipzig lebender Athener und von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2003 Kompositionsprofessor an der dortigen Hochschule für Musik und Theater, hat sich die Irrfahrten des Odysseus ausgeguckt, den ersten Abenteuerroman unseres Kulturkreises.
Ein Artikel von Peter Korfmacher.

Ausgabe: 
5/11 - 60. Jahrgang

Ihn kombiniert er mit seiner neoarchaischen Musik für Sopran, Erzähler, fünf Instrumente, Tonband und generiert daraus einen musikalisch-poetischen Subtext für eine Performance vom Anfang des Industriezeitalters: rund 150 Jahre alte Illustrationen, Bilder aus der Laterna magica, jener Urgroßmutter des Kinos, zeigen, was der listige Grieche alles erlebte auf seiner weiten Heimreise von Troja nach Ithaka. Diese in jeder Hinsicht bemerkenswerte „Laterna Magica Performance“ erlebte nun im Rahmen der Reihe „backstage 21“ in der gut besuchten Oper Chemnitz ihre Uraufführung, und die Reaktionen des Publikums zeigen, dass Terzakis hier drei Ebenen miteinander verknüpft, die zusammen weit mehr ergeben als die Summe ihrer Teile.

Die Texte lassen in ihrer kantigen Vertrautheit Erinnerungen und Emotionen schwingen – ebenso Terzakis’ kunstvoll schlichte Musik, die bei aller östlichen Fremdheit so seltsam vertraut klingt. Die uralten Modi, Tonleitern sozusagen, die nicht im Sinne westlicher Musik als neutrales Material behandelt werden, sondern ihre melodischen Strukturen bereits in sich tragen, fächert Terzakis weit auf. Da perlt das Klavier, funkeln die Metallophone, was die zarten Linien von Violine, Cello, Oboe, gar die aparten Vokalisen der Sopranistin umso heller leuchten lässt.

Die eigentliche Erzählung zu den herrlich naiven Lichtbild-Illustrationen, die das Historische Museum Frankfurt zur Verfügung gstellt hat, liegt beim Erzähler Thomas Mäthger, der mit sanftem Pathos und hintergründigem Witz dem strahlenden Helden Bodenhaftung verleiht. Dazu kommen Götterstimmen vom Band, mischt sich Sopranistin Stephanie Kaiser ein ums andre Mal als eulenäugige Athene ein ins Spiel, das die Mitglieder der Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie unter Tom Bitterlich klang­sinnlich ausmalen. Ein wunderbar nostalgisches Stück neues Theater aus dem Niemandsland zwischen Dia-Vortrag, Melodram und Oper. Und es wäre zu wünschen, dass „Die Irrfahrten des Odysseus“ über kurz oder lang auch einmal in Leipzig zu erleben sind.

Was auch für „Mauricios’ Nachtigall“ für Jugendstreichorchester (fabelhaft: das Jugendkammerorchester der Städtischen Musikschule Chemnitz) und „Chelidonisma“ (Schwalbengesang) für acht Violinen des Terzakis-Schülers Giorgos Kyriakakis (Jahrgang 1967) gilt, die im Chemnitzer „Griechischen Doppel“ die „Laterna Magica Performance“ vorbereiten. Auch Kyriakakis setzt auf die Magie antiker Modelle, schiebt sie aber dichter in- und übereinander, was gegenüber der kristallinen Ästhetik seines Lehrers bisweilen eher an Schnittkes Schichtungen denken lässt.

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