Ein g’schlamperter Dandy

Zur Rezension „Briefwechsel Schönberg-Berg“, nmz 7-8/09, S. 49


(nmz) -
Seit nun 20 Jahren befindet sich die amerikanische Hardcover-Ausgabe „Berg-Schoenberg correspondence“, erschienen bei W.W.Norton, 1987, in meinem Besitz. Wenn Fr. Brand, Mr Hailey und Mr. Harris sich zwischenzeitlich nicht für eine komplett revidierte Ausgabe auf Deutsch entschieden haben und es ist diese ist, die Ihnen zur Rezension vorlag, bleibt wohl an dieser Stelle nur zu sagen, dass der Satz, ein „Großteil der [...] Dokumente war bisher unzugänglich“ schlicht falsch ist.
Ein Artikel von Frankfurt a.M., Michael Harmssen.

Ausgabe: 
9/08 - 57. Jahrgang

Im Übrigen gestehe ich, dass ich es nur unter größeren Mühen durch die amerikanischen 500 Seiten schaffte. Das mag einerseits an dem etwas merkwürdig anmutenden Unterfangen liegen, den wienerischen Tonfall ausgerechnet ins Amerikanische zu übertragen, andererseits vermisse ich den Hinweis des Rezensenten  auf die in der Tat weit gähnende Langeweile, die sich sogar schon beim Stöbern erkennbar macht.

So treffend es auch sein mag, auf die teilweise schon unangenehm servile Haltung Bergs gegenüber Schönberg immer wieder hinzuweisen – dem Rezensenten ist das sich im chronologischen Ablauf dann doch erkennbar verändernde Bild wohl überhaupt nicht aufgefallen, dass Berg lange vor dem „Du“ et cetera, teilweise am Rand des Zynismus mit dem Meister umging (hier heißt es dann, ganz wienerisch-schnodderig sich in die Protagonisten hineinzuversetzen). Spätestens mit dem gigantischen Erfolg des Wozzeck ist dies Phänomen für den aufmerksamen Leser dann nicht mehr zu übersehen. Berg war eben auch ein g’schlampter Wiener Dandy, durchaus mit Lebemann-Tendenzen, immer ganz besonders deutlich nachzuvollziehen, wenn ihn seine Familie mal wieder auf’s Land zitiert und er auf dem Berghof Verwalteraufgaben erfüllen muss, worüber er sich in Briefen auf das Allerköstlichste im großen theatralischen Künstler-Weltschmerz-Pathos beschwert. Hier unter anderem finden sich die in der Tat sozusagen sozial gesehen interessanteren Passagen der Sammlung, die ansonsten für Berg-Schönberg-Musik-Fans wahrhaftig nicht viel bieten.

Vielleicht ist die nun erschienene deutsche Ausgabe in der Tat so sehr von der amerikanischen verschieden, dass am Ende von zwei verschiedenen Editionen gesprochen werden muss…

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