Ein Stück Rundfunkgeschichte lebt weiter

Nach sieben Jahren Kampf bekamen die Bremer ihren Sendesaal wieder


(nmz) -
Doch kein Supermarkt. Die Bremer Bürgerinitiative hat es geschafft, sich dem Abriss ihres Konzertsaales zu widersetzen. Schon war dafür der Denkmalschutz geopfert worden, aber auf Drängen wieder in Kraft gesetzt. Stolz sind darüber die Mitglieder des Zweckvereins „Freunde des Sendesaal“, angeführt von Peter Schulze und Klaus Bernbacher, ehemals selbst verantwortlich für Musik bei Radio Bremen.
Ein Artikel von Eckart Rohlfs.

Ausgabe: 
4/09 - 58. Jahrgang

Sie alle wussten, was die Musiker und die für die Klangtechnik Verantwortlichen an dem 1952 erbauten und durch seine federgelagerte Raum-in-Raum-Akustik so glückhaft gelungenen Sendesaal hatten, den sie nun wieder erhalten haben. Er verkörpert mit seinen akustischen Eigenschaften ein Stück Rundfunk- und Technikgeschichte und hat inzwischen „heimatgeschichtliche Bedeutung“.

Wie eine Posse mutet es an, dass Radio Bremen für die doch begehrte Wiederbenutzung ihres ehemaligen Sendesaales, nämlich für Produktionen und öffentliche Konzerte, künftig selbst Mietzins berappen muss. Denn im Nachhinein hat sich herausgestellt: Die Räumlichkeiten in Radio Bremens teurem Neubau in der Innenstadt sind unzureichend, also wird man das alte Quartier weiterhin nutzen müssen.

Das siebenjährige Fechten um die Bestandserhaltung des Sendesaales fand in letzter Minute eine glückhafte und praktikable Lösung. Den Sendesaal-Freunden war es gelungen, in dem Baukaufmann Klaus Hübotter einen potenten und erfahrenen Investor zu interessieren, der sich schon mehrfach für städtebauliche und baukünstlerische Entwicklungen und damit um die Baukultur in Bremen verdient gemacht hat. Sein Konzept sieht eine Drittelnutzung für Konzerte und Gastproduktionen jeweils durch die Sendesaal-Freunde und Radio Bremen vor. Der weitere Anteil bleibt einer „Institution des Gesundheitswesens“ vorbehalten.

Die Wiedereröffnung feierten die Sendesaal-Freunde mit einem Porträtkonzert des 79-jährigen Spaniers Luis de Pablo in Zusammenarbeit mit dem Instituto Cervantes. Das „Plural Ensemble“ unter Fabián Panisello, spezialisiert auf Neue Musik, stellte kompetent vier Kammermusikwerke von Luis de Pablo aus den Jahren 1978 bis 2008 vor. Darüber hinaus ließen sich die Freunde des Sendesaales bei einem internen Fest für die „Wieder in Besitznahme“ von viel geladener Prominenz beglückwünschen. Noch-Intendant Heinz Glässgen allerdings weilte in Rom, vielleicht um Buße abzuleisten für angeblich Ungereimtes und viel Schiefgelaufenes im Siebenjahre-Kampf um (Alt- und Neu-)Bau und deren Finanzierung (siehe nmz 11/2007, „Keith Jarrett und weitere siebentausend Unterschriften“).

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Ähnliche Artikel

Am Rande der Glaubwürdigkeit - Kritisch-konstruktive Töne bei den Radiodays
09.12.2009 Ausgabe 12/09 - 58. Jahrgang - Musikleben - Christoph Stechbarth
Zwischen Rundfunkfreiheit und Quote - Zu Vergangenheit und Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
08.06.2009 Ausgabe 6/09 - 58. Jahrgang - Magazin - Wolf Loeckle
Die Vier wird vom Platz gestellt - Neue Dachmarke BR Klassik will Klassikkompetenzen bündeln
05.10.2009 Ausgabe 10/09 - 58. Jahrgang - Musikleben - Andreas Kolb
Ausstellung zur Neuen Musik in der Weserburg Bremen
07.11.2009 - Veranstaltungen - Agentur ddp
Alles auffahren für die Minderheit in der Minderheit - SWR-Programmchef Johannes Weiß im Gespräch mit der neuen musikzeitung über die Sparpläne des SWR
03.09.2010 Ausgabe 9/10 - 59. Jahrgang - Musikleben - Andreas Kolb, Johannes Weiß
Kultur-Ratio – Rundfunk auf dem Abstellgleis - Kommentar
03.09.2010 Ausgabe 9/10 - 59. Jahrgang - Musikleben - Martin Hufner
Das wahre Wunder von der Weser - Die Rettung des Sendesaales von Radio Bremen – eine einzigartige Geschichte des Erfolges hartnäckiger Bürgerinitiativen
28.04.2012 Ausgabe 5/12 - 61. Jahrgang - Magazin - Ute Schalz-Laurenze