Eine Feedback-Partitur mit vielen Kreuzzeichen

Zu den Möglichkeiten der Evaluation von Konzerten für Kinder ·


(nmz) -

Es ist ein wichtiges Anliegen der Musikpädagogik, musikalische Angebote für Kinder zu evaluieren. Musikpädagogen in und außerhalb der Schule müssen sich fragen, ob sich ihre musikalischen Lerneinheiten, Spiele, Erfahrungsräume und Aufgabenstellungen mit Kindern erfolgreich umsetzen lassen oder nicht. Sie werden rückblickend versuchen einzuschätzen, wie gut sie ihre Ziele erreicht haben. Aber welche Ziele sind das? Was macht die Musikpädagogik und im vorliegenden Fall die Konzertpädagogik gut?

Ein Artikel von Franziska Olbertz

Diese Qualitätsfragen gehen jeder musikpädagogischen Evaluation voraus. Denn nur wenn man weiß, worin der Wert eines musikalischen Angebots für Kinder bestehen soll, kann man entscheiden, wie gut eine Idee tatsächlich in der Praxis funktioniert hat. Kinderkonzerte können beispielsweise auf ganz unterschiedliche Weise wertvoll für die musikalische Entwicklung sein. Der Wert kann darin bestehen, dass Kinder sich prächtig amüsieren und fortan „Konzert“ mit „Lust“ assoziieren. Es kann auch sein, dass ein Kinderkonzert deshalb gut war, weil die kleinen Besucher nun alle Streichinstrumente nach Klang und Aussehen unterscheiden können oder aber weil sie mit den eigenen Sinnen erfahren haben, wie kreativ man mit Musik umgehen kann. Selten treffen all diese Qualitäten in einem Konzert aufeinander und es scheint auch gar nicht erstrebenswert zu sein, alle denkbaren Ziele eines Kinderkonzerts gleichzeitig zu verfolgen. Eine Evaluation muss sich also danach ausrichten, was in erster Linie mit dem Konzert erreicht werden soll. Es gibt aber auch Qualitätsmerkmale, die übergreifend Gültigkeit haben. Wenn etwa ein Kind im Nachhinein sagt, dass es nie wieder in ein Konzert gehen möchte, dann ist mit Sicherheit der Sinn der Veranstaltung verfehlt. Wenn ein Kind hingegen noch Tage später von Figuren, Handlungen, Instrumenten, Dekorationen oder ähnlichem spricht und diese Dinge in das eigene Spiel einbezieht, dann hat ein Kinderkonzert unabhängig von den spezifischen Zielen zunächst einmal gut funktioniert.

Für die folgenden Überlegungen wird von einem imaginären Konzert ausgegangen, das für Kinder wie Eltern ansprechend und unterhaltsam sein soll und dabei ein bestimmtes musikbezogenes Wissen etwa über die Funktion des Dirigenten im Orchester vermitteln soll.

Die Qualitätskriterien für die Evaluation könnten folgende sein: 1. Musikalisch-künstlerische Umsetzung, das heißt Professionalität der dargebotenen Musik, 2. Lerninhalt, das heißt Aufbereitung der zu vermittelnden Fakten, 3. Adressatenbezug, also die Altersangemessenheit und Relevanz für das Publikum und 4. Konzerterlebnis, das heißt Spaß, Anregung der Fantasie, Möglichkeiten des Mitmachens.

An diesen ersten Klärungskomplex der Evaluation schließen sich organisatorische Fragen an: Wie kann ich die Qualitätskriterien konkret erfragen? Wem kann ich welche Fragen stellen (Kindern, Eltern oder Lehrern)? In welcher Form bringe ich meine Fragen an das Publikum (mündlich oder schriftlich, Einzelpersonen oder Gruppen, vor Ort oder zu Hause)? Im vorliegenden, imaginären Fall besteht das Publikum aus Grundschulkindern, die schon mindestens mit Hilfe der Eltern lesen können. Es soll daher sowohl einen Fragebogen für die Eltern als auch einen für die Kinder geben. Die Fragebögen sollen nach dem Konzert verteilt, einige Tage später zu Hause ausgefüllt und in einem vorfrankierten Umschlag zurückgeschickt werden.

Zur musikalisch-künstlerischen Umsetzung werden hier nur die Eltern befragt, was nicht heißt, dass Kindern die Wahrnehmung dieser Qualitätsebene abgesprochen wird. Kinder dürften aber weniger Erfahrung darin haben Musik diesbezüglich einzuschätzen. Mit der Frage 1 in Abb. 1 ist eine ganz direkte Möglichkeit gewählt, dieses erste Qualitätskriterium in einem Elternfragebogen zu operationalisieren. Das zweite Qualitätskriterium betraf den Lerninhalt. Hier ist unter anderem von Interesse, ob das Kinderpublikum mit der Auswahl und Präsentation der Informationen angemessen gefordert war. Sowohl zu hohe Ansprüche als auch zu niedrige können die Aufmerksamkeit überstrapazieren und zu Langeweile und Unruhe führen. Eine Möglichkeit der Operationalisierung im Elternfragebogen gibt die Frage 2 in Abb. 1. Man könnte auch bei Symptomen von Unter- oder Überforderung ansetzen, indem man die Eltern prozentual einschätzen lässt, wie viel das Kind vom Konzertgeschehen aufmerksam mitverfolgt hat. Zu überlegen wäre auch eine Abfrage dessen, was die Kinder im Konzert gelernt haben. Im Kinderfragebogen könnte zum Beispiel die Quantität des Lerninhalts auf einer vierstufigen Skala anwachsender Glühbirnen eingeschätzt werden, wie bei Frage 1 in Abb. 2.

Die Frage 3 in Abb. 1 bezieht sich auf das dritte Qualitätskriterium, den Adressatenbezug. Denkbar wären auch Fragen danach, ob das Kind mit den Themen des Konzerts etwas anzufangen wusste, ob es über die Rolle des Dirigenten bisher schon einmal nachgedacht hat oder ob die Art der Vermittlung Brücken zu alltagsnäheren Themen hergestellt hat. Im Kinderfragebogen könnte man verschieden große und alte Personen abbilden und das Kind einschätzen lassen, welche Altersgruppe sich im Konzert am wohlsten gefühlt hätte. Das vierte Qualitätskriterium, das sich auf das Konzerterlebnis insgesamt bezieht, wird in Abb. 1 mit den Fragen 4 und 5 berührt. Die Möglichkeit selbst im Konzert aktiv zu werden ist für Kinder wichtiger als für Erwachsene, weil sie dem Prinzip „learning by doing“ noch stärker verbunden sind und weil die Aufmerksamkeitsspanne für rein rezeptive Anforderungen noch kürzer ist. Dennoch kann es auch hier zur Überforderung oder „Überrumpelung“ kommen, weshalb die Frage 4 die Einschätzung zulässt, dass der Spielraum für das eigene Aktivwerden möglicherweise zu groß war. Von den Kindern ließe sich der Mitmachanteil quantitativ einschätzen, so wie es in Frage 3 in Abb. 2 mit verschieden großen Händen für „viel“, „mittel“, „wenig“ und einer fehlenden Hand für „gar nicht“ ermöglicht wird. Die Tiefe und Verarbeitung von Konzerteindrücken könnte von den Eltern mitgeteilt werden. Hier ist eine offene Frage 5 sinnvoll, auf die mit individuellen Beobachtungen geantwortet werden kann. Im Kinderfragebogen sind viele Frageformen denkbar um das Vergnügen im Konzert zu erheben. In der Beispielfrage 2 in Abb. 2 können die Kinder mit der Anzahl lachender Gesichter ihrem Spaß im Konzert Ausdruck verleihen. Schließlich kann man mit einem einfachen Gesichter-Rating wie bei Frage 4 auch klären, ob ein Kind nochmals ins Konzert gehen möchte oder nicht.

Natürlich sind viele andere Rahmenbedingungen denkbar und jeweils andere Lösungen sinnvoll. In einem Seminarprojekt von Heiner Gembris wird beispielsweise aktuell ein Evaluationsverfahren für jüngere Konzertbesucher entwickelt. Hier sollen die Eltern die Fragen vorlesen und die mündlichen Antworten der Kinder eintragen, nach dem Prinzip „Eltern fragen, Kinder antworten, Eltern kreuzen an“. Die Eltern sollen zusätzlich in einem eigenen Fragebogen weitere Angaben machen.

Wenn man die zuvor festgelegten Kriterien in konkreten Fragen operationalisiert, das passende Fragebogenlayout entwickelt und die Befragung durchgeführt hat, geht es an die Auswertung. Hier sind einfache Programme oft schon völlig ausreichend. Die Tabellenkalkulation ist mit gängigen Programmen auf jedem Privatrechner möglich. Die Antwortmöglichkeiten auf den drei- bis fünfstufigen Skalen müssen mit Zahlen codiert und in die Datentabelle eingegeben werden. Bei den Fragen 2 und 4 an die Eltern (Abb. 1) ist zu berücksichtigen, dass die Mitte mit dem Code 3 die ideale Antwort ist. Bei den Fragen 1 und 3 wären hingegen jeweils die rechten Kästchen mit dem Code 5 die besten Antworten für eine positive Evaluation. Offene Antworten in Textform müssen erst nach Ähnlichkeit kategorisiert und anschließend codiert werden um auch hier quantitative Aussagen zu ermöglichen. Auch Häufigkeitsanalysen, die vermitteln wie groß etwa der Anteil Kinder ist, die drei lachende Gesichter auf die Frage 2) angekreuzt haben, sind denkbar. Weiterhin sind einfache Mittelwerte für die fünfstufigen Skalen bei den Fragen an die Eltern möglich, die bereits ein Meinungsbild erkennen lassen.

Es sei also allen Mut gemacht, die Kinderkonzerte organisieren und das Feedback des Publikums suchen. Fragebogenentwicklung, Datenerhebung und Auswertung lassen sich in einem überschaubaren Rahmen realisieren und geben bei überlegter Handhabung viel Aufschluss darüber, inwieweit die Veranstaltung ihre musikpädagogischen Ziele erreicht hat.

Einen weiteren Beitrag zum Thema Konzertvermittlung finden Sie auf
S. VII des nmz-Hochschulmagazins.

Abb. 2. Beispielfragen für einen Kinderfragebogen

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