Entdeckungen, Fundstücke
Neue Werkeinführungen und Komponistenporträts auf DVD
Ein Artikel von Juan Martin Koch.
Gemeinsam ist den Werkporträts ein gut rhythmisierter Wechsel zwischen konkreter musikalischer Beschreibung und schön bebilderten allgemeinen Hintergrundinformationen zu Komponist und Umfeld. So kommt über Wulf Konolds Aufschlüsselung des „Chiara“-Themas (C–H–A–A) aus Schumanns Klavierkonzert (2056068) die Sprache auf dessen literarische Wurzeln, den Davidsbund und die Gründung der Neuen Zeitschrift für Musik. Der nahtlose Zusammenhang der Formbeschreibung leidet darunter etwas, auch die anfangs herausgestellte Besonderheit des Verhältnisses von Klavier und Orchester wird nicht weiter verfolgt, dennoch entsteht ein schlüssiger Gesamteindruck, der bestens auf Martha Argerichs energiegeladene, hoch individualisierte Interpretation vorbereitet.
Nicht ganz so dicht gelingt die Verschränkung der Informationsebenen bei Brahms’ Violinkonzert (2056078). Gil Shaham – musikalisch ein dramatisch zupackender, im Mittelsatz tonlich etwas verkrampfter Sachwalter des Klassikers – lässt im Gespräch seinem Enthusiasmus freien Lauf; für die handfesten Fakten sorgt Wolfgang Sandberger. Schade, dass seiner Erklärung zur Final-Stretta die falsche Stelle als musikalisches Beispiel folgt.
Stärker auf das Werk selbst ist die Strauss-DVD (2056138) konzentriert. Habakuk Traber führt am Klavier sehr klar und nachvollziehbar durch die Programm- und Themenwelt der Alpen-sinfonie und widerlegt ganz nebenbei manches Vorurteil vom naiven Klangmaler Strauss. Seitenblicke auf dessen Verhältnis zur Natur, seine Auseinandersetzung mit Nietzsche oder den Rückbezug auf Beethoven lenken nie vom Werkverlauf ab, der auch mit eingeblendeten Partiturausschnitten illustriert wird. Herrlich außerdem der Konzertmitschnitt mit der Staatskapelle Dresden unter Giuseppe Sinopoli. Auch hier kann Boulez’ gewiss hochklassige, in der Akustik des Lissaboner Mosteiro dos Jerónimos aber leicht verschwimmende Darstellung des Bartók’schen Konzerts (mit den Berliner Philharmonikern) nicht ganz mithalten.
Unter den Neuveröffentlichungen der verdienstvollen „Juxtapositions“-Serie (Ideale Audience/Naxos) ragen zwei heraus, denen es gelingt, einiges von der Persönlichkeit wie von der Faszination zu vermitteln, die ihr Werk ausstrahlt. So erleben wir, wie Pierre Henry (DVD 9DS43), der unermüdliche Sucher, auf den Straßen unterwegs ist, um Klänge zu sammeln, die er dann in unnachahmlicher Weise zu den seinen macht. Zusammengeschnitten, „remixed“, mit Fundstücken aus der Musikgeschichte verwoben, präsentiert er sie dann in Hauskonzerten in den eigenen, von wunderlichen Klangerzeugern vollgestopften vier Wänden oder in großen Sälen, die er als Herrscher über das Mischpult eigenhändig beschallt. Archivbilder von Epoche machenden Projekten wie den „Concerts couchés“ oder der Béjart-Choreografie der „Symphonie pour un homme seul“ runden das stimmige Porträt ab, als Bonus gibt es den wunderlichen Gérald-Ozon-Film „Le Candidat“ von 1966 und eine Wiederaufführung von „Veil of Orpheus“ (1953) zu sehen.
Beeindruckend auch die Informationsfülle in Olivier Milles Messiaen-Film (DVD9DS44), der die verschiedenen Aspekte seines Schaffens schlüssig aufgliedert: von der Omnipräsenz der Vogelstimmen über die Bedeutung des Rhythmus, die legendären Analysekurse bis hin zur Orgelmusik. Leicht pathetisch läuft der Film auf „Saint François d‘Assise“ als Summe seines Schaffens zu, wie dem Film überhaupt ein wenig die kritische Distanz fehlt. Um so erfreulicher, dass als Bonus auch die eine oder andere skeptische, freilich immer bewundernde Stimme zu hören ist.
Chen Qigang, Messiaens letzter Kompositionsschüler, ist einer der fünf in dem Film „Broken Silence“ (DVD9DS32) porträtierten chinesischen Komponisten und gleichzeitig der interessanteste Gesprächspartner. Ansonsten gelingt es Eline Flipse nicht, die kompositorischen Eigenarten von ihm, Tan Dun, Guo Wenjing, Mo Wuping und Qu Xiao-song wirklich plastisch herauzuarbeiten. Allzuoft werden die Werke als atmosphärische Hintergrundmusik benutzt, ohne dass klar würde, von wem sie stammen. Wenig überzeugend auch Frank Scheffers Versuch auf derselben DVD mit „Tea“ die gleichnamige Oper und ihren Komponisten Tan Dun vorzustellen. Vieles verbleibt im Vagen schöner, exotischer Bilder.
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