Expressionistisches mit fünf Komponisten
Peter Eötvös dirigiert das Ensemble Modern Orchestra auf einer Tournee
Ein Artikel von Barbara Eckle.
Das Neuartige der uraufgeführten Werke tritt im Paradoxon der Reflexion des expressionistischen Stils zutage, was im Falle von Joneleits Komposition „Dithyrambes“ sich hauptsächlich im Schaffensakt selber vollzieht. Der Titel des Werks ist Programm: Ein Dithyramb bezeichnet einen gesungenen, getanzten Hymnus für Dionysos, den griechischen Gott der Ekstase und der Fruchtbarkeit. Das Stück besteht zunächst, wie der Komponist beschreibt, aus einer total freien, im Nachhinein niedergeschriebenen Improvisation, die er zusehends verändert, daran seinen „Hörblick“ schärft und es in Richtung Form führt. Diese endgültige Form ist von solch aufgeladener Intensität, dass selbst die Pausen, die Klangblöcke abrupt trennen, eine hochaktive Wirkung haben. Auf dem Weg vom Medium zum Konstrukt lässt der Komponist sogar äußere Schaffenskräfte mitwirken, indem er das Orchester in den Kompositionsprozess eingreifen und die Instrumente über ihren bestimmten Funktionsbereich hinaus einsetzen lässt. Das Stück wird somit erst bei der Probe vollendet. Es zeichnet sich dabei ein interessantes, für die Musiker herausforderndes Entstehungsphänomen ab, wenn auch der Spontaneitätsfaktor schließlich gezwungenermaßen verlorengeht und in eine Art hybride Form mündet, die Freiheit gleichzeitig fordert wie verhindert. Der frische, unabhängige Solistengeist des Ensemble Modern kam der Aufführung dieses Werkes sicherlich zugute.
Eine konkrete Inspirationsquelle liegt dem Werk „Contrebande (On Comparative Meteorology II)“ von Johannes Maria Staud zugrunde; nämlich das Werk des polnisch-jüdischen Visionärs Bruno Schulz und dessen phantastisch-expressionistischen Kindheitserinnerungen. Ohne in eine konkrete Bildsprache abzudriften, gelingt es dem Komponisten, ein Innenleben mit der Wahrnehmung eines Kindes, wie es scheint, zu spiegeln, in dem alles so vertraut wie auch bedrohlich klingt: Perkussionsklänge changieren zwischen Glockenspiel und Scherbengeklirr wie wiederkehrenden absteigenden Glissandi der Streicher - sie suggerieren gleichsam Boden- und Kontrollverlust. Es entsteht eine Welt als Sog, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Eine rechte Offenbarung war Eötvös’ Interpretation von Schönbergs Variationen für Orchester op. 31, für die er in diesem Ensemble von hochmotivierten und hochkonzentrierten Solisten den idealen Partner zu haben schien. Durch das zügig gewählte Grundtempo entstand eine Stringenz und Dichte, die komplexe kompositorische Strukturen als erfassbare Einheiten freizulegen vermochte. Auch wenn Schönberg seine Musik nicht auf Schönheit, sondern Wahrheit angelegt hatte, so war es in dieser Realisation doch möglich, auch die Schönheit einer klaren Klangsprache zu erleben, nicht zuletzt dank Eötvös’ Verzicht auf eklatante Effekte bei gleichzeitig freiem, frischem Umgang mit dem rigiden Konstrukt.
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