Fastenzeit

Cluster 2016/03 - Martin Hufner


(nmz) -
Ernährung ist in aller Munde … Scherz beiseite: Im Fernsehen geht ja fast nur noch um Ernährung, die Zeitschriften und Zeitung sind voller Rezepte und Kochshows. Süßes, Saures, Bitteres, Salziges, Umami – Heißes, Kaltes, Konserviertes, Frisches, Gesundes und Ungesundes. Die Vielfalt pur.
Ein Artikel von Martin Hufner

Heute bin ich Fleischesser, morgen Vegetarier und übermorgen Veganer. In der Musik sind solche Wechsel eher selten zu bemerken. Der musikalische, der Kunst-Geschmack ist ab einem gewissen Alter relativ resistent gegen Veränderung. Der geht schon bei den meisten mit 12 Jahren in Rente.

Musikerinnen selbst hingegen können sich so etwas fast nicht leisten. Jemand, der wie Glenn Gould im Kern Bachianer war, eine Ausnahme; aber wenn es sich um Epochen handelt, haben genügend Musikerinnen eine Abneigung gegen Neues. Die Polarpreis-Preisträgerin Cecilia Bartoli sagte gegenüber den Stuttgarter Nachrichten 2013, es sei an dieser Musik frustrierend, dass „die Melodie immer springt, oft über viele Noten hinweg – dann entsteht kein Bogen“. Potzblitz, tiefste Erkenntnis: Neue Musik ist ganz klar eine bogenlose Frechheit.

Apropos Bogen. Neulich fasste ich den Entschluss, Veganer zu werden, also mich sozusagen der absoluten Avantgarde zu verschreiben. Das ging aber nur zehn Minuten lang gut, nämlich bis ich wieder zwecks Übungen an meine Geige musste. Warum wohl gibt es nicht eine einzige Veganerin bei den Streichern im Orchester? Es geht nämlich nicht zusammen: Bogenhaare (von Pferdeschweifen aus der Mongolei!), Darmsaiten von Katzen (mongolischen?) und dann noch Perlmutt am „Frosch“ des Geigenbogens. Geht gar nicht. Was tun? Vor allem, nachdem mir auch noch gesagt wurde, dass das Kolophonium, mit dem ich die Bogenhaare einreibe, recht häufig allergische Reaktionen oder Asthma auslösen und Ekzeme verursachen können. Musikerinnen leben gefährlich. Nur ein Ausweg also: Kunstsaiten aufziehen und Pizzicato, so wie es die Jazzer am Bass ja auch machen. Oder noch besser: Ukulele! Das klingt sowieso gleich nach Analogkäse und ist voll Nylon.

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