Gedanken contra Geschäft

Prelude & Fugue. Bernd Glemser spielt Bach und Shostakovich


(nmz) -
Prelude & Fugue. Bernd Glemser spielt Bach und Shostakovich. Oehms Classics OC 738
Ein Artikel von Wolf Loeckle.

Von exzessivem Hören strapazierte Ohren verweigern zuweilen den Dienst am klingenden Objekt, vermögen nicht mehr einordnende und bewertende Kriterien klar zu scheiden, trennen nicht zwischen Abfalleimer und Hochaltar, topfen Einheitssauce und Klangschaum in den Edelstahltopf der einheitsgewürzten Globalware. Zuweilen stellen sie sich aber auf, die Ohren. Zum Beispiel wenn ihnen vertraute Musik ganz plötzlich unvertraut, neu, entdeckenswert erklingt. Das passiert – selten genug – aber bislang und zielsicher immer dann, wenn Bernd Glemser seine Tastenarbeit ins Öffentliche verlagert. Aktuell handelt es sich um eine Bach/Shostakovich-CD in einer Co-Produktion von Oehms Classics mit dem Bayerischen Rundfunk: Prelude&Fugue.

Und bei Bach stellt sich sofort eine G-Linie her: Gulda-Gould-Glemser. Guldas Swing perlt beim Bösendorfer, Goulds Goldstruktur glitzert den schrägen Klavierschemel entlang, Glemsers Bach fasziniert in aller sensiblen Melancholie mit seiner strengen Struktur über das Instrument hinweg. Das Konstruktive des Notentextes gebiert bei ihm keinen Mangel an Emotion. Die Reduktion der Kontrapunktik bei Shostakovich lässt dem Wissen um dessen Auslassungen und politischen Verweise Territorium für das Denken vom nationalsozialistischen Berlin ins brutalkapitalistische System der Spätkommunisten in Beijing, von Moskau nach Madrid.

Glemser holt das ins Bewusstsein – und hält es dort fest. Er bewegt Hirne und Herzen, Gedanken und Gefühle. Das ist viel, sehr viel, wenn das Denken die Verfilmmusikalisierung und RTL-isierung der aktuellen Produktion von Donaustauf bis Donaueschingen dirigiert. Glemser zuhören. Das weitet Gedanken und zeigt Wege aus der akustischen Zumüllung. Dieser Erkenntnisgewinn lässt sich käuflich erwerben auf einem Tonträger von Oehms Classics: Prelude&Fugue – Bernd Glemser plays Bach and Shostakovich in einer subjektiv selektierten Zusammenstellung des Besten aus beider kontrapunktischer Weltsicht.

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