Geschichten aus feuchten Londoner Nächten
Die dunkle Seite der „Swinging Sixties“: „Performance“ mit Mick Jagger
Ein Artikel von Viktor Rotthaler.
Jetzt gibt es dieses Artefakt aus einer „anderen Welt“ auch bei uns. Als „Special“ wollte uns die deutsche Dependance von Warner Home Video noch den USA-Kinotrailer schenken, aber der muss wohl während der DVD-Produktion im Nirwana verschwunden sein. Auf das exzellente „Performance“-Featurette der amerikanischen Ausgabe müssen die deutschen Fans sowieso verzichten. Dafür gibt es als Bonus die sehr dumpfe deutsche Mono-Tonspur.
Wer versucht, den Plot dieses wahnwitzigen Gangster- und Pop-Movies nachzuerzählen, muss scheitern. Selbst die Macher dieses Films über die „dark side“ des Swinging London der Sixties können es nicht. Benannt werden aber immer wieder die literarischen Einflüsse von Cammell: Genet, Artaud und Borges. Ursprünglich wollte Donald Cammell Marlon Brando als dritten Mann im Bunde haben. Der aber weigerte sich und so wurde „Performance“ zum Vehikel für Mick Jagger und den aristokratischen James Fox. Es geht um „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“ im Zwischenreich von Halbwelt und Pop-Business. Auf merkwürdige Weise „verarbeitete“ damals Cammell die „Realität“ seiner Protagonisten in diesem Film-Rausch aus „Sound & Vision“. Marianne Faithfull erinnert sich in ihrer Autobiografie an einen „flotten Vierer“ mit Jagger, Fox und seiner androgynen Freundin Andee: „Natürlich wusste niemand von unserem netten Beisammensein, keine Menschenseele. Aber irgendwo draußen in der feuchten Londoner Nacht muss der Chefdracula der Szene, der Regisseur Donald Cammell, sein Fenster geöffnet und es aus der Luft aufgeschnappt haben. Er begriff alles intuitiv. Er spürte es, ich bin sicher, viele Leute spürten es. Ohne dass er wusste, was in der Nacht passiert war, erschuf er es in ,Performance‘ neu.“
Wobei Jagger-Freundin Faithfull schon vor den Dreharbeiten London verlassen hatte: „Schon vor dem ersten Drehtag war ,Performance‘ ein brodelnder Kessel teuflischer Zutaten: Drogen, inzestuöse Beziehungen, Rollentausch, Kunst und Leben wild durcheinandergequirlt zu einem Hexengebräu.“ Sie ahnte, was passieren würde. „Das Komische war nur, dass außer mir es keiner sah.“ Als „psychosexuelles Versuchslabor“ unter der Leitung von Cammell hat Faithfull „Performance“ bezeichnet. Und das Versuchskaninchen hieß James Fox. „Was passiert, wenn man einen verklemmten Upperclass-Engländer mit einem Haufen psychedelischer Drogen vollpumpt, ihn manipuliert und halb um den Verstand bringt?“
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