Gestaltungskraft und Vielfalt

Köppen – Jörgensmann reunited: The Story of Professor Unrat


(nmz) -
Köppen – Jörgensmann reunited: The Story of Professor Unrat. Senti Records SE 06
Ein Artikel von Michael Scheiner.

Ausgabe: 
2/12 - 61. Jahrgang

Der eine hängt mit der Nase am Klavier, der andere bläst die Backen auf. Theo Jörgensmann (cl) und Bernd Köppen (p) waren von 1984 bis Ende des Jahrtausends als exponiertes Duo fester Bestandteil der europäischen und internationalen Jazzszene und auf zahlreichen wichtigen Festivals vertreten. Im Unterschied zu den beiden „Peters“ Kowald und Brötzmann, wie Köppen aus Wuppertal und den Ruf als eines „der“ Zentren des freien Jazz prägend, ist der Pianist nie im gleichen Ausmaß im Fokus von Kritik und Rezeption gestanden. Musikalisch hat er, anders als Brötzmann, auch immer über den Tellerrand hinausgeguckt und die Neue – zeitgenössische – Musik in sein Spiel einbezogen.

Im Februar vergangenen Jahres trafen sich die einstigen Duopartner, denen bereits "Jazzpapst" Joachim-Ernst Berendt für ihr Album (LP) „Für den letzten Gast“ „togetherness“ bescheinigte, erstmals wieder für ein Konzert. Anlässlich eines Jubiläums der von Köppen initiierten Konzertreihe „unERHÖRT“ trafen sie aufeinander und knüpften direkt da an, wo sie 1999 aufhörten. Den seltsamen Titel assoziierten die beiden spontan beim Abhören des Mitschnitts während des fünften Stücks, einer sechseinhalbminütigen Improvisation. Anders als der Professor aus Literatur (Heinrich Mann) und Kino („Der Blaue Engel“) können die beiden ihrer Intuition vertrauen und scheitern nicht total wie der sich zum Affen machende Unrat. Zwar könnte man den Beginn mit Wau-Rufen Jörgensmanns, die an Hunde erinnern, als Pendant zum „Kikeriki“ Unrats auslegen, aber es ist wohl eher prickelnder Spott, der in kühnem Spannungsbogen zu einem versteckten Thema weiterführt. Über eine wuchtige, expressive Klangimplosion gelangen die beiden in ruhiges Fahrwasser und entwickeln ihre Ideen auch formal zu Strukturen, die zu einer dramaturgischen Geschlossenheit führen. Zeugnis für die immense Gestaltungskraft und Ausdrucksvielfalt dieser herausragenden Improvisatoren, die eine größere Beachtung mehr als verdienen. 

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