Hauptwege
Johannes Brahms: Klarinettensonaten, Klarinettentrio
Ein Artikel von Wolf Loeckle.
Der Klarinette wird nicht nur zuweilen eine Affinität zur menschlichen Stimme attestiert, getragen voll vom Atem, durchdrungen von bewegender Emotion, gesteuert vom Klangsinn eines Klänge ersinnenden Geistes.
Besonders riesig ist das Repertoire nicht, auf dem die Klarinettisten – und neuerdings die Klarinettistinnen – sich austoben können. Gewiss, da sind ein paar göttergleiche Stücke – nein Werke – von Mozart, Brahms, Reger, ein paar Stücke dann von Debussy und anderen Franzosen. Klar, im Jazz bewegt sich manches so, dass dem Instrument der rote (Klang-)Teppich ausgerollt wird. Doch neben aller fürs Virtuose und Unterhaltende angelegten Musik, die der Klarinette zugedacht ist, an der – so sie denn entsprechend gespielt wird – Freude aufkommt, führt der Sehnsuchtsweg doch immer wieder zu Mozart, zu Brahms zurück.
Was da an Tiefe, an Weitblick, an spiritueller Gipfelleistung erreicht wird, das fällt keinem zu, dem Komponisten am wenigsten; dem Interpreten nicht, dem Zuhörer kaum. Da ist geistige Wachheit gefordert, musikalische Kombinationsfähigkeit, denkerische und instrumententypische Fingerfertigkeitserhaltung. Und die bieten auf der aktuellen Sharon-Kam-Berlin-Classics-CD sie und ihre Partner in reichem Maße. Zumal der so überaus begabte und international erfolgreiche Jungpianist Martin Helmchen. Und Gustav Rivinius, Zauberkünstler auf dem Cello, überzeugt nicht nur in den einleitenden Solo-Cello-Takten zum Finale des Brahms’schen Klarinettentrios Opus 114. Sondern er liefert das fulminante Fundament, auf dem sich die Dreierkommunikation austobt.
Musikalisch im wahrhaft bewegenden Dreiergespräch. Die beiden Klarinettensonaten von Brahms werden ja dagegen und nicht nur zuweilen als Schattenprodukte neben dem wahren Weltkulturerbe KlarinettenQuintett gehandelt. Dass dem nicht so sein muss, beweisen Sharon Kam und Martin Helmchen höchst ohrenfällig. Sie machen aus sogenannten Nebenwegen Hauptwege.
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