Immer am Puls der Zeit und des Musiktheaters
200 Jahre nach ihrer Gründung wird die traditionsreiche Casa Ricordi von Universal einverleibt
Ein Artikel von Andreas Kolb.
Königlicher Verleger
Zwei Jahrhunderte zurück: Es war einmal ein Geiger namens Giovanni Ricordi. Der Sohn eines Glasschneiders war im Geistesklima des napoleonischen Mailand aufgewachsen, in dem Initiative und Unternehmertum erwünscht waren. In dieser Epoche hatten Opern üblicherweise ein kurzes Leben. Man wollte Neues, nur wenige Stücke schafften es, in mehreren Theatern hintereinander aufgeführt zu werden. Eine Situation, wie wir sie heute auch wieder kennen. Diese Flüchtigkeit der Werke war der Grund dafür, dass man keine Energie und vor allem keine Kosten in den aufwändigen Druck von Partituren und Stimmen investierte.
Mit dem Aufkommen der bürgerlichen Hausmusik und der Praxis der Amateuraufführungen änderte sich diese Situation dramatisch. Giovanni Ricordi erkannte die Zeichen der Zeit: Erst von Leipzig zurückgekommen, wo er das Notenstechen bei dem alteingesessenen Verlag Breitkopf & Härtel gelernt hatte, gründete er 1908 sein Druck- und Verlagshaus in Mailand.
Neben der Tätigkeit auf dem pädagogischen und dem kammermusikalischen Gebiet setzte Ricordi vor allem auf die Zusammenarbeit mit den italienischen Opernhäusern. Als ehemaliger Geiger, Kopist und Souffleur an verschiedenen Häusern kannte Ricordi die Erfordernisse des Opernbetriebs genau. Die Marktrecherche hatte er gründlich betrieben: Innerhalb kurzer Zeit setzten sich seine Drucke dank ihrer guten Qualität am Markt durch, er bekam den Titel „Verleger des königlichen Musikkonservatoriums“ verliehen. 1814 gelang es ihm, mit der Scala einen Exklusivvertrag zu schließen, der ihn berechtigte, alle dort zur Aufführung kommenden Opern zu vertreiben. Es folgten ähnliche Verträge mit großen Häusern in Venedig und Neapel. Ebenso wichtig waren die Verträge, die er mit Komponisten abschloss, um diese langfristig an die Casa Ricordi zu binden: darunter Gioacchino Rossini, Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti und 1844 erstmals Giuseppe Verdi, mit Nabucco und I Lombardi.
Fokus Musiktheater
Der Fokus aufs Musiktheater ist Ricordi bis heute erhalten geblieben. Das korreliert mit dem Drang der Komponisten, Oper und Musiktheater zu machen. Gleichzeitig ist Oper aber auch das ideale Mittel, um Öffentlichkeit für die Neue Musik zu schaffen. Zurück nach Mailand: Als Giovanni Ricordi 1853 starb, übernahm sein Sohn Tito Ricordi d. Ä. (1811–1888) die Verlagsleitung. Er erwarb 1888 auf Anraten Verdis das Verlagshaus Lucca und holte damit Werke von Meyerbeer, Halévy, Gounod, Ponchielli und Catalani zu Ricordi, einschließlich der italienischen Rechte an den Werken Wagners. 1919 beendete das Ausscheiden Tito Ricordis d. J. (1865–1933) die Ära des Familienunternehmens Ricordi.
Heute hat Ricordi Niederlassungen in Mailand, Paris, London, Budapest und München. Die Münchener Niederlassung des Verlags, die 1945 aus der Leipziger Filiale hervorging, vertritt die Kataloge der Schwesterfirmen in Deutschland, Tschechien, Polen, Schweiz und den ehemaligen Ländern der Sowjetunion. Die drei Hauptschwerpunkte sind Werkausgaben, Pädagogik und Neue Musik.
Es erscheinen die kritische Ausgabe der Werke von Giacomo Meyerbeer sowie Werkausgaben von Alexander Zemlinsky, Karel Reiner und Manfred Gurlitt. Geschäftsführer Reinhold Quandt initiierte erst vor kurzem in Kooperation mit der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft in Ingolstadt die Herausgabe des gesamten Schaffens des bayerischen Komponisten Giovanni Simon Mayr, der in der Nähe von Ingolstadt geboren wurde, zu seinen Lebzeiten als Opernkomponist weit über Europa hinaus gerühmt und in Italien liebevoll „Papa Mayr“ genannt wurde. Mayr war ein Lehrer Donizettis, nahm eine Mittlerfunktion zwischen Mozarts Opernschaffen und dem italienischen Belcanto ein und galt sogar als „Vater der italienischen Oper“. Erst jüngst brachte das Staatstheater Braunschweig die deutsche Erstaufführung von Mayrs „Fedra“ – seit 161 Jahren (damals in New York) die erste Aufführung einer Mayr-Oper – heraus. Und das ist erst der Anfang: Da Mayr nahezu 70 Opern geschrieben hat, steht den Münchnern entsprechend Arbeit ins Haus.
Stachlige Stücke im Katalog
Ricordi München bindet seine etwa 25 Komponisten nicht an Exklusivverträge. Aber: „Wir verlegen jedes Werk, das uns unsere Komponisten anbieten“, sagt Michael Zwenzner, der für die Promotion zuständig ist, „die Vertrauensbasis ist das Entscheidende“.
Vinko Globokar, Heiner Goebbels, Klaus Huber, Emmanuel Nunes, Younghi Pagh-Paan, Samir Odeh-Tamimi, Rolf Riehm, Bettina Skrzypczak, Nikolaus Brass oder Enno Poppe, dessen Musiktheater „Arbeit Nahrung Wohnung“ aktuell auf der Münchener Biennale seine Uraufführung erlebte – der Verlagspromoter Michael Zwenzner ist sichtbar zufrieden, wenn er Namen aus dem aktuellen Ricordi Katalog nennt. Aber er ist auch Realist: „Es sind stachlige Stücke im Katalog, Stücke wider den Zeitgeist. Radikalere Positionen – wie bei Ricordi stark vertreten – haben es heute schwerer, wo viel Musik komponiert wird, die sich an Publikumserwartungen und an die Routine der meisten Opernhäuser und der Orchester anpasst.“ Dass etwa „Das Schweigen der Sirenen“ von Rolf Riehm oder Klaus Hubers zentrales Meisterwerk „Schwarzerde“ seit ihren Uraufführungsproduktionen nie wieder aufgegriffen wurden, verweist auf Tendenzen, die ihn beunruhigen.
Die Furcht vieler Branchenkenner, dass die Verlage das Vertrauen in Komponisten verlieren, „die emphatisch am Kunstanspruch festhalten“, teilt Zwenzner nicht und präsentiert vier neue Komponisten bei Ricordi, die garantiert keine Eintagsfliegen sind: die Deutsche Annette Schlünz, den Tschechen Jan Jirásek, den Franzosen Fabien Lévy und den Russen Sergej Newski.
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