Die jungen Unbekannten: Zum Symposium „The Art of Music Education“


(nmz) -
Annette Dasch ist eine berühmte Sängerin. Und – das wissen zumindest jene zu erzählen, die ihren „Daschsalon“ erlebt oder gesehen haben – sie ist offenbar eine charismatische Entertainerin. Aber ist sie auch eine gute Musikvermittlerin? So weit wie die Reaktionen der Fachleute auf ihren Auftritt beim Symposium der Hamburger Körber Stiftung und der Elbphilharmonie auseinander gingen, so weit dürften die Meinungen darüber auseinander gehen, was die Qualität von Musikvermittlung überhaupt ausmacht.
Ein Artikel von Juan Martin Koch.

Ausgabe: 
4/10 - 59. Jahrgang

Die einen ließen sich von ihrer Lockerheit und der Glaubwürdigkeit anstecken, mit der sie zu Mitmachaktionen animierte und die sie im Gespräch über ihre Schulbesuche ausstrahlte. Die anderen konstatierten banale Erklärungsversuche zu den vorgetragenen Liedern, einen fragwürdigen Wechsel zwischen Hugo Wolf, Tutti-Frutti-Kanon und Franz Schubert, oder misstrauten der Wirksamkeit einer Liedeinführung mittels spontaner Lyrik-Lesung aus dem Publikum und Kurzvideos, in denen Jugendliche mehr ihre Persönlichkeit zu entblößen als auf die folgende Musik einzustimmen schienen.

Gut, dass nicht die Versöhnung dieser beiden Standpunkte Thema der zweiten, wieder perfekt organisierten und inhaltlich anregenden Hamburger Education-Tagung war, sondern die Frage nach jener – am besten wohl als Heranwachsende zu bezeichnenden – Zielgruppe, um die lange Zeit ein großer Bogen gemacht wurde, weil sie als unbekanntes Wesen oder einfach als der Klassik zumindest zeitweise entschwundene Altersstufe abgeschrieben galt.

Folgt man den Präsentationen und den Diskussionsbeiträgen der jungen, erfreulicherweise leibhaftig anwesenden Menschen, scheint das mit den Teen­agern und der Klassik (im weitesten Sinne) aber ganz einfach zu sein. Die Gründe dafür in aller Kürze:

  1. Die Musik ist nicht das Problem, sie muss nur ein bisschen mit anderem durchmischt (Crossover), von glaubwürdigen Künstlern zum Anfassen (der Dasch-Effekt) oder Gleichaltrigen präsentiert sowie in Formaten und an Orten abseits der gewohnten Rituale schmackhaft gemacht werden.
  2. Junge Menschen lassen sich am Entstehungs- und Organisationsprozess von Musik und deren Aufführung beteiligen und so zumindest projektweise mit der Kulturform Konzert in Kontakt bringen.
  3. Außerdem gibt es da noch jene nicht unerhebliche Zahl von selbst musizierenden jungen Menschen, bei denen die Hemmschwelle zum Konzertbesuch ohnehin nicht allzu hoch sein dürfte.
  4. Beim Marketing schließlich verspricht das Ausschöpfen altersspezifischer elektronischer Kommunikationswege einen Aufmerksamkeitsgrad auf einer Höhe mit populären Musikformen.

Alles prima also? Ist es purer Kulturpessimismus und tiefste Schwarzmalerei, wenn der Veranstaltungsform Konzert mittelfristiges Siechtum bis zum unvermeidlichen Exitus prophezeit wird? Diesen Eindruck konnte man in Hamburg zumindest oberflächlich gewinnen, wo man die Projekte oder längerfristigen Ansätze einiger Orchester und Institutionen mundgerecht und – seit „Rhythm is it!“ Pflicht – im Bewegtbild präsentiert bekam. Dennoch ergaben sich Fragezeichen: Bleibt von einer Riesenunternehmung wie „Der Schrei“, mit welcher der SWR eine ganze Region mobilisierte, mehr als ein gigantisches, Beethovens Fünfte mit Hip Hop übermalendes Konzert? Haben jene handverlesenen „Schülermanager“, die im Rahmen des „Jungen Beethovenfests Bonn“ eine (Cross­over-)Veranstaltung komplett selbst in die Hand nahmen, ihre Altersgenossen einfach nur effizient geködert?

Genügt es, das Kellergeschoss der Tonhalle Düsseldorf in einen Dance Club zu verwandeln, um den Ort auch im Fall eines normalen Konzertabends zu einer angesagten „Szene-Location“ zu machen?

Vielleicht spricht aus diesen Fragen aber weniger eine Kritik an den zweifellos begrüßenswerten Aktivitäten selbst denn eine Skepsis gegenüber ihrer Präsentation. Denn immer dann, wenn der Enthusiasmus und die Eigendynamik einer solchen Unternehmung an Außenstehende transportiert werden soll, stößt die „Vermittlung der Vermittlung“ an ihre Grenzen. Hier wäre eine gesunde Portion Selbstkritik, das Hinterfragen der eigenen Arbeit möglicherweise hilfreicher als der Versuch, den Geist des Projekts („seht nur, wie toll das war“) mit allen Mitteln noch einmal heraufbeschwören zu wollen.

Vielleicht besteht außerdem die Gefahr, dass der Wunsch nach Bildern, die bleiben und vom Erfolg der Vermittlungsarbeit künden sollen, bewusst oder unbewusst die Inhalte beeinflusst; dass die spektakuläre Menge an Betei-ligten wichtiger wird als das, was da im Einzelnen musikalisch passierte. Als Korrektiv zum drohenden Aktionismus wird dann gerne die Frage nach der „Nachhaltigkeit“ gestellt, wie schwierig diese per Evaluation im Einzelnen auch zu messen sein mag. Hier wäre ebenfalls eine gewisse Skepsis angebracht: Was heißt hier nachhaltig? Can you really change your life in a Vermittlungsprojekt?

Entspricht dem Lebensgefühl der Heranwachsenden nicht gerade das Feiern des Augenblicks, die Intensität des gerade Erlebten und ist es deshalb nicht vielleicht genau der richtige Ansatz, eben diese immer neu zu ermöglichen, zu experimentieren, es – im Dialog mit ihnen – heute so und morgen eben auch wieder ganz anders zu machen, das Einhalten gewisser, auch aus Erfahrungswerten gewonnener Qualitätsstandards vorausgesetzt?

Denn was nützt es, wenn sich in braver Nachahmung bildgewaltiger Best-Practice-Modelle nun nach und nach neue, das Publikum der Zukunft angeblich sicherstellende Standardformate der Musikvermittlung breit machen, die an die Stelle der alten, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Konzertrituale treten? In einer stattdessen erstrebenswerten Vielfalt musikalischer Aufführungsformen hätte dann eine Annette Dasch ebenso ihren selbstverständlichen Platz. Mag sie ruhig plaudern, solange sie dann auch wieder zum Kern eines Schubert-Liedes zurückfindet.

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