Kleine Erinnerung an die Sterblichkeit: für Klavier

Klaviermusik zu vier Händen oder an zwei Klavieren


(nmz) -
Christoph J. Keller (*1959): Memento Mori. Konzertfantasie für zwei Klaviere +++ Heinrich Marschner (1795–1861): Sonatine facile et agreable pour le Pianoforte à quatre mains op. 91
Ein Artikel von Klaus Börner.

 

Christoph J. Keller (*1959): Memento Mori. Konzertfantasie für zwei Klaviere, Inventio Musikverlag Berlin 2009 

Mozart hat anderen Komponisten häufig als Themenspender gedient. Das begann schon bei Beethoven und reicht bis in die Gegenwart. Keller hat Mozart mit Zitaten aus seinem Requiem in die hier vorliegende Konzertfantasie eingebracht. Im Original wurde sie 1993/94 für Akkordeon-Duo komponiert. Zwölf Jahre später folgte die Einrichtung des Werkes für zwei Klaviere. Diese Fassung dürfte für das Stück geeigneter sein. Die dissonanzträchtige Klangwelt des 20./21. Jahrhunderts vertritt Keller engagiert und konsequent. Gleich zu Beginn wird es mit außerhalb traditioneller Tonvorstellungen einzuordnenden Akkordtürmen hörbar. Wenig später ist Mozarts „Lacrimosa“ zu entdecken: Originell, wie das Motiv zwischen den Spielern hin- und hergeschoben wird, auch im Klaviersatz mozartgetreu erscheint, während aber auf der jeweils anderen Klaviatur tonlich irgendetwas Unbestimmbares wahrzunehmen ist! Im weiteren Verlauf ist Mozarts „Kyrie“ in regelgerechter Fugen-Exposition verarbeitet. Doch auch hier ist festzuhalten: Die kontrapunktierenden Stimmen führen klanglich in eine andere Richtung als die von Mozart her vertraute. 

Vom Komponisten wird quasi noch eine außermusikalische Tür zu einem spirituellen Raum geöffnet. Im Vorwort des Notenbandes heißt es: „Die komplexe Satzstruktur der Konzertfantasie führt Interpreten und Hörer gleichermaßen in eine intensive Auseinandersetzung mit der Grundthematik: Geburt und Tod.“

Die Bereitschaft, diesen Weg mitzugehen, muss von Interpreten wie Hörern gleichermaßen geleistet werden. Die Anforderungen für Spieler sind hoch. Im Zusammenhang mit spieltechnischen Empfehlungen werden zu Recht die exzellenten französischen Pianisten genannt: Alfred Cortot und Jean Micault.

Heinrich Marschner (1795–1861): Sonatine facile et agreable pour le Pianoforte à quatre mains op. 91, Edition Dohr 11270

Der Verleger Christoph Dohr zeigt zum einen in seiner Arbeit großes Engagement für zeitgenössische Komponisten, zum anderen gilt besonderes Interesse der (Wieder-)Entdeckung von Musik aus früheren Epochen. Heinrich Marschner, bei dem man allenfalls an einen nicht ganz unbedeutenden Opernkomponisten denkt, ist auch in anderen Werkkategorien kreativ gewesen. 

Die hier vorliegende Sonatine vermittelt einen inspirierenden Eindruck. Sie ist dreisätzig gegliedert! Dem Kopfsatz in Sonatensatzform mit einfachen Bausteinen, zugleich musikalischer Strahlkraft, folgt eine charmante Romanze im tändelnden 6/8-Takt; anschließend wird von den Spielern in der sprudelnden Tarantella Vitalität erwartet. Originell ist der Neapolitaner immer zu Beginn des Themas – Christian Vitalis, Mitarbeiter im Verlag Dohr, verdient, noch als Herausgeber dieses Notenbandes mit kritischer Revision und einem klugen Vorwort erwähnt zu werden. 

Der Schwierigkeitsgrad für Primo ist mit „leicht“ zu beschreiben – nicht weniger! Kleine Ansprüche sind auch hier vorhanden.

 

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