Kleine Kosmen
Ein Artikel von Susanne Schmerda.
Er ist ein Geschichtenerzähler und Klangpoet, der sein Publikum mit samtener Bassstimme und sensiblem Lautenspiel mitnimmt auf eine Reise weit zurück in die Ritterwelt der englischen Renaissance. Der Sänger und Lautenist Joel Frederiksen versteht es bestens, mit sparsamen Gesten, Phantasie und Charme den Texten und Melodien dieser altehrwürdigen Balladen eine magische Aura zu verleihen, wie er nun auf seiner Debüt-CD bei harmonia mundi eindrücklich beweist. Dabei entpuppt sich der amerikanische Musiker als Minnesänger unserer Zeit, der die heute selten gewordene Kunst beherrscht, sich selbst auf der Laute zu begleiten.
Geschmeidig folgt Joel Frederiksens wunderbare Stimme jeder Textnuance, und auch sein „Ensemble Phoenix Munich“ reagiert hellwach auf den wechselweise melancholischen oder ausgelassen-tänzerischen Tonfall der englischen Volkslieder. Man spürt mit jeder Note, dass hier mit großer Sorgfalt, Liebe und stilistischem Sachverstand musiziert wird, denn der seit seinem Debüt bei den Salzburger Festspielen (in „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“) in München lebende Amerikaner arbeitet seit vielen Jahren regelmäßig mit bedeutenden Ensembles der Alten Musik zusammen.
Mit seiner anspruchsvollen Lied-Auswahl, die auf der Grundlage gewissenhafter musikwissenschaftlicher Forschung erfolgte, knüpft der Sängerbarde übrigens wieder an seine alte Liebe zur angelsächsischen Volksmusik an: „Nach meinem ersten Collegeabschluss bin ich nach Washington D.C. gegangen, um dort eineinhalb Jahre lang im Archive of Folksong der Library of Congress zu forschen. Mit dem vorliegenden Programm, bei dem die Arrangements von mir stammen, kehre ich quasi zu meinen frühen musikalischen Interessen zurück.“ Inhaltlich handeln die britischen Lieder, die vielfach mit den Auswanderern in die Neue Welt gelangten, von ganz menschlichen Dingen wie Liebe und Tod. Joel Frederiksen beschwört hier „lauter kleine Kosmen des Lebens“ – und dies ist wohl die erstaunlichste Gabe dieses Elfenritters und Wortmagiers: dass es ihm in unserer umtriebigen Zeit gelingt, mit seinem Gesang voller Muße und Gelassenheit Geschichten zu erzählen.
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