Kommunikationsstrukturen der elektronischen Musik

next_generation 4.0: Internationales Treffen der elektronischen Hochschulstudios


(nmz) -
„next_generation 4.0“ - das könnte auch ein Science-Fiction-Filmtitel sein, ist aber der Name eines Festivals für elektronische Musik, das im biennalen Rhythmus am Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe stattfindet.
Ein Artikel von Monika Kursawe.

Ausgabe: 
7/11 - 60. Jahrgang

Das „Institut für Musik und Akus­tik“ (IMA) des ZKM, das größte elektronische Studio Deutschlands, lud dieses Jahr vom 15. bis zum 19. Juni zum vierten Mal ein, diesmal zum Thema „Kommunikation“; angesprochen war vor allem der Nachwuchs dieser vielfältigen und innovativen Musiksparte.

Insgesamt gut 100 Studenten von 20 Hochschulstudios aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren dann auch der Einladung gefolgt. Ihnen bot das Festival nicht nur eine Gelegenheit, ihre kompositorischen Neuentwicklungen in einem dichten Konzertprogramm an fünf Tagen und Nächten zu präsentieren (insgesamt acht Konzerte waren während des Festivals zu hören), die Studierenden sollten auch in den Dialog mit möglichst vielen ­anderen Nachwuchskomponisten auf dem Feld der elektronischen Musik treten und ihre technologische und künstlerische Forschung in Symposien und Gesprächsrunden diskutieren können.

Den inhaltlichen Schwerpunkt bildete das Thema des Festivals, „Kommunikation“, also die musikalischen Kommunikationsstrukturen zwischen Musikern, Komponisten, Live-Elektronik, aber auch zwischen Interpreten und Publikum.

Eine der Fragestellungen war, wie sich die Soziologie des Musizierens dadurch verändert, dass ein Klangregisseur zwar fast unendlich viele Möglichkeiten hat, jedoch auch geknebelt ist durch sein eigenes System – Pierre Boulez bezeichnete das Tonband sinngemäß als eine Zwangsjacke, die, wenn es einmal läuft, keinen Spielraum mehr lässt.

Im Zusammenspiel von einem Klangregisseur und einem akustischen Musiker stellt sich auch die Frage nach dem psychologischen Abhängigkeitsverhältnis der beiden zueinander, also, ob der Klangregisseur lediglich ein reduzierter Mitgestalter ist, der auf das angewiesen ist, was der akustische Musiker ihm an „Material“ liefert, oder umgekehrt, ob die Macht des Klang­regisseurs durch die ihm zur Verfügung stehenden elektronischen Mittel überwiegt? Oder ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen akustischem Musiker und Klangregisseur vielleicht gar nicht so anders als das, das auch die vier ­Musiker eines Streichquartetts zueinander haben, die gemeinsam als eine Art Metainstrument agieren.

Die Vorträge in den Symposien lieferten keine Lösungsvorschläge, sie ­waren eher als Denkanstöße gedacht. Vertiefen konnten die Teilnehmer die angesprochenen Themen in der täglichen „open-hour“, einer offenen Diskussionsrunde.

In lockerer Atmosphäre, auf grauen Sofas und weißen Sitzhockern, wurden hier, auf dem Musikbalkon des ZKM, diese zunächst so abstrakt wirkenden Fragen anhand realer Beispiele greifbar. So schilderte z.B. ein klassisch ausgebildeter Gitarrist seine Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit Live-Elektronik als eine Art von kammermusikalischer Kommunikation mit sich selbst.

Ein weiteres zentrales Thema war die Kommunikation zwischen Ausführendem und Publikum, das die Studenten in zwei Lager spaltete; für die einen ist es unerlässlich, einen Interpreten im Mittelpunkt des Geschehens zu haben, der als Klangquelle auszumachen ist, für andere genügt auch eine völlig körperlose, rein akusmatische Darbietung durch die Lautsprecher im Raum.

In den Konzerten wurde deutlich, dass diese Vorlieben im Großen und Ganzen den verschiedenen Strömungen an den Hochschulen entsprechen. Während zum Beispiel der ­Fokus des IEM (Institut für Elektronische Musik) Graz eindeutig auf der rein akustischen Darbietung elektronischer Musik lag, in ­deren Mittelpunkt maximal noch ein Lautsprecher oder ein schwach beleuchtetes Mischpult im ansonsten dunklen Raum lag, setzte die HfMT (Hochschule für Musik und Theater) Hamburg auf viele verschiedene Elemente, wie Instrumentalisten, Live-Elektronik und Videos. Diese Erfahrungen, in Kombination mit der Möglichkeit, zu diskutieren und sich auszutauschen, ist für die Studenten und jungen Komponisten der elektronischen Musik sicherlich immens wichtig, um sich mit einem offenen Blick weiterzuentwickeln.

Und somit kann auch das ZKM sein Festival „next_generation 4.0“ als einen Erfolg verbuchen.

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