Kulturförderung ohne Abstriche

Bayerischer Musikrat fordert „Bildungspakt Musik“


(nmz) -

Angesichts der bundesweit festzustellenden rückläufigen Tendenz von musikalischen Bildungsangeboten hat der Präsident des Bayerischen Musikrates und Intendant der Hofer Symphoniker, Wilfried Anton, zu einem Bildungspakt Musik aufgerufen. Im Vorfeld zur Eröffnung der Frankfurter Musikmesse machte Anton deutlich, dass Deutschland als Kulturnation nur dann bestehen kann, wenn die Infrastruktur der musisch-kulturellen Bildung auf Dauer abgesichert und der breiten Bevölkerung zugänglich ist. „Wenn Sparpakete geschnürt werden, steht die Kulturförderung als erstes auf dem Prüfstand“, kritisierte Anton. „Müssen Schulstunden eingespart werden, kommen Musik und Kunsterziehung oft genug als erstes unter die Räder oder werden in unverbindliche Wahlfachangebote abgedrängt. Dabei ist es doch gerade die ästhetische Bildung, die den Kindern und Jugendlichen ein Wertebewusstsein und zugleich eine kritische Medienerziehung vermittelt”, sagte Anton.


Ausgabe: 
4/03 - 52. Jahrgang

Im Hinblick auf die PISA-Studie warnte Anton davor, jetzt einseitig auf kognitive Fächer wie Deutsch oder Mathematik abzuheben. „Natürlich müssen unsere Kinder richtig Lesen und Rechnen können. Doch auch hier belegen mehrere, unabhängig voneinander erstellte, wissenschaftliche Studien, dass Schüler/-innen mit verstärktem Musikunterricht im Durchschnitt zugleich bessere Leistungen in den kognitiven Fächern erbringen. So haben sich Lesefähigkeit, räumliches Denk- und Abstraktionsvermögen sowie die Konzentrationsfähigkeit, das Team- und allgemeine Sozialverhalten bei musikgeförderten Kindern und Jugendlichen erheblich verbessert – sogar in Klassen in denen versuchsweise zugunsten des zusätzlichen Musikunterrichtes weniger Wochenstunden in Deutsch, Mathematik oder einer Fremdsprache erteilt wurden. Entgegen ursprünglicher Befürchtungen erzielten also die Probanden am Schuljahresschluss dieselben, vielfach sogar bessere Ergebnisse als ihre Mitschüler/-innen der Vergleichsklassen.“

Musik für breite Kreise

Anton sieht darin zugleich neuere Ergebnisse hirnphysiologischer Untersuchungen bestätigt: „Nicht etwa wir Musiker, sondern unbestechliche Naturwissenschaftler und Mediziner haben festgestellt, dass die Intensität der gleichzeitigen Ansprache beider menschlicher Hirnhälften bei solchen Testpersonen am stärksten war, die ein Musikinstrument spielen oder gelernt haben. Umso wichtiger ist es daher, dass das Erlernen eines Instruments kein Privileg von Besserverdienenden sein darf, sondern breiten gesellschaftlichen Kreisen zugänglich sein muss. Infolgedessen ist es bildungs- und gesellschaftspolitisch der falsche Weg, dass schon jetzt die ersten Sing- und Musikschulen geschlossen werden und weitere dieser Einrichtungen in ihrer Existenz bedroht sind. Hier nur auf kurzfristige Einsparpotentiale zu schielen ist nicht weit genug gedacht und verspielt leichtfertig ein Investitionspotential in das kostbarste Humankapital unserer Gesellschaft, in unsere Jugend. Richtig ist vielmehr die Sing- und Musikschulen flächendeckend auszubauen und abzusichern, um landesweit musikpädagogische Qualität zu sozial verträglichen Preisen zu gewährleisten.“

Für Anton soll musikalische Bildung so früh wie möglich einsetzen – spätestens im Kindergarten. „Viele Leiter/-innen von Kindergartengruppen haben in ihrer Ausbildung nicht gelernt, mit Kindern spielerisch zu musizieren, zu singen oder zu tanzen. Ich erhoffe mir vom im Entstehen begriffenen neuen Bildungs- und Erziehungsplan, dass sich hier bald etwas ändert. Ein erster Schritt in die richtige Richtung würde sein, die Kindergärten wieder – wie früher – ministeriell Unterricht und Kultus zuzuordnen.“

Soziale Belange

Wichtig ist für Anton, dass musische Bildung nicht als Förderung eines einzelnen Faches, sondern als gesamtgesellschaftliches Anliegen wahrgenommen wird. „So, wie sich die Hofer Symphoniker, nicht nur als künstlerisches, sondern als musisch-soziales Instrument und Dienstleister für die Region verstehen, gilt auch für die Musik allgemein, dass sie durch ihre Transferwirkungen weit über sich selber hinausgreift.

Wir brauchen daher einen Bildungspakt Musik, an dem sich nicht nur wir Musiker/-innen, sondern alle gesellschaftlichen Gruppen, der Sport, die Kirchen, die Kultur-, Heimat- und Brauchtumsvereine et cetera beteiligen, um die musisch-kulturelle Bildung sicherzustellen. Denn ein Kulturstaat ohne musische Bildung entzieht sich seiner Existenzgrundlage.“

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