„La Cenerentola“ und „Così fan tutte“

Zwei Kinderopernprojekte der Musikakademie Schloss Weikersheim der Jeunesses Musicales


(nmz) -
Wie kann man an große Werke des Musiktheaters heranführen und teilweise schwierige, weil dem Erfahrungsschatz von Kindern oder Jugendlichen noch ferne Themen wie „Aus- und Eingrenzung“ oder „Treue“ verständlich nahe bringen: Die zwei derzeit beliebtesten Wege sind zum einen die durch Erläuterungen oder szenisches Spiel, zum anderen der Versuch, das jeweilige Werk durch Kürzungen bzw. Bearbeitungen „kindgerecht“ zu machen. Dabei scheint es formal den Unterschied zwischen projektorientierter, auf eine Aufführung hin ausgerichtete Arbeit und vorrangig prozessorientiertem Tun, ohne ein zwangsläufig zu präsentierendes Ergebnis, zu geben.
Ein Artikel von N.N..

In zwei, in vielerlei Hinsicht durchaus sehr unterschiedlichen Kinderopernprojekten der Musikakademie der Jeunesses Musicales Deutschland, hat man mit großem Erfolg eine Synthese dieser beiden musiktheaterpädagogischen Ansätze erprobt. Diese bestand darin, dass unter größtmöglicher Entfaltung der Kreativität der Kinder prozessorientiert gearbeitet wurde, jedoch mit dem klaren Ziel einer Abschlusspräsentation.

Das eine der beiden Projekte – eine „musikalische Klassenfahrt“ – führte die Kinder der Klasse 6a des Gymnasiums Dinkelsbühl im Mai nach Weikersheim, wo man sich unter Anleitung des Heidelberger Komponisten und Musikpädagogen Philipp Vandré sowie des Intendanten des Mainfrankentheaters Würzburg, Hermann Schneider, mit Gioachino Rossinis „La Cenerentola“ auseinandersetzte. Herausgenommen aus dem normalen Schulalltag und Umfeld, untergebracht im Logierhaus der Musikakademie, bot sich den 30 Schülerinnen und Schülern die Chance in einem sehr konzentrierten, knapp fünftägigen Workshop ihre ganz eigene Version der berühmten Geschichte des Aschenputtel zu entwickeln. Szenisch wie musikalisch völlig frei von der Version Rossinis entstand ein Werk, das im Mai im Foyer des Theaters Würzburg und Ende Juni im Gymnasium Dinkelsbühl mit großem Erfolg zur Aufführung kam. Das Projekt war beziehungsweise ist das Zweite einer auf vier Jahre angelegten Kooperation zwischen dem Mainfrankentheater und der JMD (siehe Bericht über das Pilotprojekt in der nmz 09/2010).

Mit einem, sein Publikum ebenso begeisternden Ergebnis, aber unter fast gänzlich anderen Rahmenbedingungen entstandenem Projekt, waren die insgesamt 60 Kinder der dritten Klassen der Weikersheimer Grundschule im Juli angetreten. Gemeinsam mit ihren Klassenlehrerinnen und zwei musikalisch interessierten wie bewanderten Mütter wagten sie sich unter Anleitung der Berliner Musiktheaterpädagogin Iris Winkler an Mozarts „Così fan tutte“. In drei kurzen Arbeitsphasen wurde in der Zeit von Mai bis Mitte Juli jeweils vormittags in der Schule geprobt. Das Konzept sah vor, die Kernthemen der Oper, die Wette, das Thema Treue, der Abschied von Freunden, die vertauschten Liebhaber, die Erweckung vom scheinbaren Selbstmord, den neuerlichen Abschied und die überraschende Rückkehr der „echten Freunde“ musikalisch wie szenisch nachzuspielen. In enger Anlehnung an das originale musikalische Material wurden unter anderem die Ouvertüre, das ostinate Begleitmotiv aus dem Quintett Nr. 9 oder beispielsweise der Schlusschor Basis einer choreographierten Bewegung zur Musik, dem eigenen Musizieren mit Orff-Instrumentarium oder dem Singen von auf die von Mozartschen Melodien selbst getexteten Liedern. In zwei, teilweise parallelen Erzähl- beziehungsweise Spielsträngen wurden den originalen Opernszenen weitere kurze, von den Kindern erdachte Szenen gegenübergestellt. Auf die Frage, wer kann schneller Kopfrechen, besser Klettern oder Kirschkerne spucken und worum könnte man wetten (Fußballsammelbilder, Süßigkeiten oder die neuen Torwarthandschuhe des Freundes), folge dann die in historischen Kostümen dargestellte kleine Wettszene des Don Alfonso, der mit seinen beiden Freunden Ferrando und Guglielmo um die Treue beziehungsweise. Untreue ihrer Geliebten wettet. Dabei erfuhren die Kinder im szenischen Spiel, dass Theater etwas mit dem Alltag zu tun hat, den man in eine Form bringt (im Falle von Mozarts Oper: Wie täusche ich glaubhaft einen Selbstmord vor?), und stellten Bezüge zwischen der Oper und ihrem Leben her (wie fühlt sich Abschiedsschmerz an?). 

Gleichzeitig lernten sie Grundzüge des Musiktheaters aktiv kennen: Wie greifen Spiel, Musik, Gesang ineinander? Welche Gesetze herrschen beim Umsetzen von Sprache in Musik? Wie kann man Emotionen und Stimmungen in Musik und Bewegung ausdrücken? Am Ende standen auch hier zwei gelungene Aufführungen auf der „echten“ Bühne der „Jungen Oper Schloss Weikersheim. 

Musikakademie Schloss Weikersheim
Jeunesses Musicales Deutschland
Marktplatz 12, 97990 Weikersheim
Tel. +49 (0) 7934 9936-12
www.musikakademie-weikersheim.de
www.JeunessesMusicales.de

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