Lebenselexier für Chorleiter

Das 16. Treffen des Chorleiter-Forums in Limburg


(nmz) -
Für Chorleiter gibt es viele Weiterbildungsmöglichkeiten. Aber das jährlich im Januar stattfindende Treffen des Chorleiter-Forums in Limburg, das vom Arbeitskreis Musik in der Jugend (AMJ) veranstaltet wird, fällt aus dem Rahmen. Denn das Treffen wird von hochkarätigen Komponisten begleitet.
Ein Artikel von Arne Reul.

Ausgabe: 
3/10 - 59. Jahrgang

Insgesamt 150 Chordirigenten aus ganz Deutschland sind zu den sogenannten „Reading Sessions“ des Chorleiter-Forums in die Limburger Marienschule gekommen. Wenn so viele Musiker hier teilnehmen, dann muss dieses Forum schon eine besondere Attraktion bereithalten. Mit Sicherheit gehören dazu die beiden hochkarätigen Chor-Komponisten Veljo Tormis und Sven-David Sandström, die persönlich gekommen sind, um mit den Chorleitern eigene Werke zu erarbeiten.

Gerade die Baltenrepubliken litten unter der sowjetischen Okkupation, fühlte man sich dort doch seit jeher dem Westen Europas zugehörig. In der Chormusik von Tormis spielt das Bewusstsein für die eigene kulturelle Identität eine große Rolle, denn hier fließen neben der eigenen estnischen Sprache Sagen und Legenden des Landes ein.

Der Komponist berichtet während des Workshops von solchen Zusammenhängen und ganz unmittelbar verständlich wird dies für die Chorleiter in dem Stück „Tabu“. Erst flüsternd, dann schreiend deklamieren die Sänger-Dirigenten immer wieder dieses Wort. Tormis begleitet die Chorleiter mit einer Trommel und fordert sie auf, die abrupt wechselnde Dynamik noch energischer darzustellen. So vermittelt sich in diesem brisanten Stück ein ganzes Bezugsfeld für das, was für Menschen ganz unfreiwillig zum Tabu werden kann.

Die Komponisten leiten die Workshops aber nicht allein, erfahrene Dirigenten beteiligen sich an der Einstudierung: Hirvo Surva ist einer der künstlerischen Leiter des riesigen „Laulupidu Song Celebration Festivals“, das alle vier Jahre in Tallinn mit 25.000 Sängerinnen und Sängern und 160.000 Zuhörern gefeiert wird. Nicht zuletzt daher hat er den Geist der Werke von Veljo Tormis in sich aufgesogen und kann ganz authentisch vermitteln, wie man sich dieser Musik nähern kann.

Die Werke Sandströms stellt der junge schwedische Dirigent Christoffer Holgersson vor. Durch die Arbeitsteilung können sich die Komponisten darauf konzentrieren, die weitergehenden Aspekte ihrer Werke zu erläutern. Die Proben bekommen damit eine Art Vorlesungscharakter.

Dabei zeigt sich, wie aufschlussreich es sein kann, wenn Komponisten über ihre künstlerischen Ideen sprechen. So erzählt Sven-David Sandström, wie ausschlaggebend für ihn der Bezug zur Tradition ist: „Ich fühle mich manchmal wie ein Fahrgast eines Zuges, der durch die künstlerischen Epochen rast.“ All diese Einflüsse wolle er in seiner Musik aufnehmen und sie zugleich in eine moderne Klangsprache transformieren. Was Sandströms Musik so faszinierend macht, ist ihre emotionale Qualität. Der Komponist erläutert den Teilnehmern, wie sehr ihn gerade die Musik der Spätromantik hierbei beeinflusst. Wenn dann die Chorleiter zu singen anfangen, wandert Sandström mit geschlossenen Augen durch den Raum, dirigiert sachte mit und freut sich wie ein Kind, seine Musik zu hören.

Erstaunlich ist, wie schnell das Ensemble der Chorleiter bereits beim ersten Vom-Blatt-Singen den musikalischen Gehalt erfasst! So kann im Workshop sehr schnell auf interpretatorische Fragen eingegangen werden.

Für die Chorleiter ist die Arbeit mit den Komponisten aber nur ein Aspekt des Forums. Wichtig ist ihnen, die Seite zu wechseln und sich selbst mal wieder als singenden Teil eines Chores zu erleben. Eine Chorleiterin erzählt von ihrer Erfahrung, manchmal nicht mitzubekommen, ab welchem Takt der Dirigent jetzt einen Probendurchlauf haben möchte und zeigt sich überrascht darüber, bestimmte Anweisungen einfach überhört zu haben. „Wenn ich mich zu Hause wundere, warum meine Chorsänger nicht das machen, was ich gerade angesagt habe, dann erklärt es sich mir hier wieder“, erläutert sie und lacht darüber, dass sie hier bei den Proben auch mal ganz gerne mit der Nachbarin klönt.

Der Austausch zwischen den Teilnehmern ist ohnehin ein zentraler Aspekt dieser Veranstaltung. Wer glaubt, dass zwischen Chorleitern Animositäten herrschen, wird eines Besseren belehrt. Die Atmosphäre ist freundschaftlich und herzlich, das Interesse an der Arbeit der Kollegen sehr groß. „Die erste Frage ist: Wie geht’s? – und die zweite: Was hast du im letzten Jahr gemacht?“, sagt ein Chorleiter. Dieses Interesse füreinander hat auch damit zu tun, dass die meisten Chorleiter im Alltag in der Regel Einzelkämpfer sind. Sie sind ihre eigenen Konzertveranstalter, Programmplaner und Chefs. Das Chorleiterforum ist für sie eine Art Klassentreffen, bei dem man auch alte Freunde und Bekannte trifft. Nicht selten kommt es dadurch zur künstlerischen Zusammenarbeit. So plant man etwa, sich für Konzertreihen gegenseitig zu unterstützen, indem die Chöre befreundeter Chorleiter dies dann gemeinsam gestalten. Aber der Austausch von Repertoireideen gehört genauso dazu.

Hierbei ist auch das „Deutsche Centrum für Chormusik“ eine große Hilfe. Untergebracht in einem der schönsten Fachwerkhäuser Limburgs können hier gut 250.000 Chorpartituren eingesehen und studiert werden. Und da das Zentrum auch bei der Beschaffung des gewünschten Notenmaterials behilflich ist, verlassen die Chorleiter Limburg nicht nur mit einer Riesenmotivation für das neue Konzertjahr, sondern auch mit großen Taschen, gefüllt mit aufregender Chorliteratur, die schon bald einstudiert werden kann.

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