Meinung oder Verbrechen
Ein Artikel von Helmut Hein.
Meinungsfreude bedeutet aber nicht, dass einem jede Meinung recht ist; oder auch nur zulässig erscheint. Selbst Jugendliche, die die Dreißig längst überschritten haben, tragen seit einiger Zeit gern T-Shirts oder Baseballmützen mit dem knalligen Aufdruck: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.“ – und verbinden so äußerst souverän das moralisch korrekte Erledigen des politischen Gegners mit einem nonchalanten Bekenntnis zur Meinungsfreiheit. So wie auch der zu Recht empörte Wirtshausschläger das Blutbad im Gesicht des Kontrahenten gern durch ein Plädoyer für grenzenlosen Pazifismus ergänzt: „Ich kann keiner Fliege was zuleide tun, aber dir muss man einfach ab und zu die Fresse polieren.“
Daraus kann man lernen, dass ein „Verbrechen“ das ist, was der andere ist oder tut – ganz egal, was er ist oder tut, wenn es nur hinreichend von unserer Meinung respektive „Überzeugung“ abweicht. Man selbst nimmt sich dagegen in allen Lebenslagen die entsprechende Meinungs- oder Handlungsfreiheit und will dafür nicht auch noch scheel angeguckt werden. Unübertroffen der gerechte Zorn eines amerikanischen Militärsprechers bei der Pressekonferenz nach einem so genannten „Kollateralschaden“: Okay, wenn es sich wirklich nicht um einen Terroristenhaufen, sondern um eine Hochzeitsgesellschaft gehandelt habe, dann tue es ihm leid, aber damit müsse es nun auch gut sein.
Dass das eigene Herz immerzu rein ist und das des anderen eine Mördergrube (ersatzweise: ein Irrenhaus), das ist auch die notwendige Grundlage so mancher flotten Kampagne in den Feuilletons der Zeitungen und Fernsehanstalten. Die FAZ zum Beispiel will immer wieder mal Schluss machen mit Schmutz und Schund und scheut zu diesem Zweck selbst vor flächendeckenden Stalinorgeln in zarten Frauenhänden nicht zurück, auch wenn deren Geschosse kurz vorm Einschlag gern ganz erbärmlich jaulen: Die leicht tantenhafte Fernsehliteraturexpertin Elke Heidenreich sollte eigentlich nur den neuesten Roman des Nobelpreisträgers Garcia Marquez besprechen, nutzte die günstige Gelegenheit aber, drastisch kund zu tun, wie sehr es sie seit langem ankotze, wenn ältere Herren (neben Garcia Marquez hat sie gerade Martin Walser und Philip Roth im Visier) mit jungen Frauen ins Bett gehen und schlug, gar nicht mal nur zwischen den Zeilen, vor, doch einmal genauer zu überprüfen, ob sich das Geschilderte denn überhaupt mit geistiger Gesundheit und der herrschenden Gesetzeslage vertrage.
Da wollte die jüngere Kollegin vom Ballettfach, Wiebke Hüster, nicht hintanstehen und begann ihren eigenen Feldzug gegen nackte Körper und unerhörte Handlungen auf deutschen Bühnen, die sie wie Elke Heidenreich im moralischen Vollgefühl des eigenen höheren Rechts halb pathologisierte, halb kriminalisierte und mit unmissverständlichen Handlungsanweisungen verband: den Übeltätern ein für allemal den Geldhahn zuzudrehen, wenn schon mehr im Augenblick leider nicht möglich sei. Was ist schon eine schlichte Kritik und das mühsame Darlegen von Argumenten (die am Ende vielleicht auch noch bestritten werden), wenn man die „licence to kill“ im Dienst der guten Sache kriegen kann. Mit Meinungs- oder gar Kunstfreiheit hat das Ganze übrigens nichts zu tun; die sind nicht bedroht, nie und nirgends. Aber wo das Verbrechen beginnt, da hört sich einfach alles auf. Selber schuld, wer da Faschist oder Jude ist – oder partout nackt tanzen und dann noch mit jungen Frauen ins Bett steigen will.
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