Mit dem Instrument in der Hand

Aus einem Sozialprojekt in Caracas zu den Philharmonikern nach Berlin: Edicson Ruiz


(nmz) -

Einzug der Philharmoniker. Einspielen. In der ersten Reihe der Kontrabassisten, zweiter Platz: das Rekordkind des Klangkörpers: Edicson Ruiz, jüngstes Mitglied seit Orchestergründung 1862. Er ist 18, gewann die Bass-Vakanz aber schon als 17-Jähriger, konnte jedoch als Unmündiger den Arbeitsvertrag nicht unterschreiben, musste warten bis zur Volljährigkeit. Einmalig nicht nur sein Alter, auch seine Herkunft. Gebürtig aus Venezuela ist er der erste Lateinamerikaner im Orchester. Vom Zuschauerraum aus betrachtet fallen diese Unterschiede zu den Kollegen nicht auf. Er wirkt dann älter und der schmale Körperbau, die helle Haut, das dunkle Haar scheinen sowieso europäisch.

Ein Artikel von Gerta Stecher

Ausgabe: 
2/04 - 53. Jahrgang

Bis Edicson Ruiz nach Berlin kam, lebte er in Venezuelas Hauptstadt Caracas. Einer Stadt mit allen Attributen unterentwickelter Länder, aber auf einem Gebiet hoch entwickelt: der musikalischen Förderung von sozial gefährdeten Kindern. Edicson gehörte dazu: „Mit acht Jahren wurde ich aufsässig, richtig aggressiv. Schrie meine Mutter an, schlug sie.“ Schwer vorstellbar; wenn er heute von ihr spricht, dann mit Zärtlichkeit. „Ich hab einen einzigen Traum, sie glücklich zu wissen.“

Die Alleinerziehende vertrieb Ingredenzien für Bäckereien, von früh bis spät, zu Fuß in der Millionenstadt. Ihr Kind konnte sie nicht noch mitschleppen. Sie verlor die Arbeit, als Edicson zehn war, fand keine neue Anstellung, entschloss sich, Taxi zu fahren. „In Caracas, wo nachts regelmäßig 15 bis 20 Taxifahrer umgebracht werden. Aber wir mussten essen.“ Zwar besuchte Edicson längst die Schule, gehörte zu den Klassenbesten, aber nachmittags lag er weiterhin auf der Straße. „Da lernt man schlechte Sachen, Grobheiten, Drogen, Alkohol, Prostitution.“ Eine Nachbarin wusste von einem Sozialprojekt zur „Wiedergewinnung und Eingliederung der verlorenen Jugend“. „Wo Kinder mittels Musik erzogen werden. Mich hat die Musik gerettet.“

Der 18-Jährige teilt sein Leben in Perioden ein: „Mit der Musik begann die zweite.“ Dabei hatte er nicht Lust, in einem symphonischen Kinderorchester mitzumachen, wovon in Caracas zehn existieren. Ein Netz davon im ganzen Land. Das seiner Wohnung nächstgelegene hieß San Augustin, wohin die Mutter den Zehnjährigen zerrte und ihm versprach: Wenn es dir nicht gefällt, musst du nicht bleiben. „Ich hatte im Fernsehen einen Mann gesehen, der mit den Händen durch die Luft fuhr. Langweilig!“ Kein Dirigieren. Den 50 Anfängerkindern zwischen 7 und 12 Jahren wurden Instrumente vorgeführt. „Es war ganz eigenartig, so viele verschiedene zu sehen, die man anfassen und spielen konnte.“ Und hören. „Es erklang der Kontrabass. Ich war wie geblendet. Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Besser: ersten Ton.

Gemälde aus Noten

Von Anfang an wurde gemeinsam musiziert. „Nebenbei erklärte der Lehrer: Dies nennt sich Schwarz, dies Weiß, das sind zwei Tempi, vier Takte, Pausenzeichen.“ Edicson hatte keine Ahnung von Noten. „Zuerst habe ich die gesehen wie ein Gemälde. Als ich das erste Mal eine Symphonie spielte, das war die 4. von Tschaikowski, wusste ich gar nichts, nicht wie man die Hand hält, den Bogen streicht.“ Auch Kinder, ihm überlegen, weil schon länger dabei, machten es ihm vor. „So die Finger, so das Largo. Und so habe ich es gelernt.“ Er war versessen auf`s Spiel, übte, bis nachts die Mutter heimkam. Kein Jahr später: Routinemässig wurden aus den über das Land verteilten Kindersymphonieorchestern Mitglieder für das Nationale Kinderorchester Venezuelas ausgesucht, Sitz in Caracas. „Es ist eines unserer besten Orchester, es besteht aus den 250 begabtesten Kindern des Landes.“ Edicson gehörte fortan zu ihnen, glücklich über die Maßen. Kleidung, Instrument, Noten, alles wurde gestellt, keiner zahlte für die Ausbildung. Aber Essen muss auch sein. Das Geld, das die taxisteuernde Mutter einfuhr, wurde immer weniger. „Sie weinte, als sie mir sagte: ,Edicson, du musst wie ich arbeiten gehen.’ Ich war elf und sah das Leid meiner Mutter.“ Nach der Schule packte er nun erst an der Kasse eines Supermarktes den Kunden die Einkäufe in Plastikbeutel und kassierte Trinkgelder, bevor er wieder hinter seinem Kontrabass saß, im Orchester und danach zu Hause. „Ich habe täglich x Stunden geübt. Denn ich hatte nur ein Ziel: mich verbessern.“ Unterstützt von Felix Petit, Kontrabasslehrer des Nationalen Kinderorchester, und Doktor José Antonio Abreu, Begründer und Leiter dieses pyramidal aufgebauten Systems der musikalischen Kinderförderung. Edicsons Zuneigung zu beiden ist tief. „Sie und meine Mutter sind meine Eltern. Ich telefoniere noch heute mit ihnen, wenn ich Probleme habe.“ Mit der deutschen Sprache, Kultur, Mentalität.

Zur Gipfelkonferenz der lateinamerikanischen Regierungschefs 1996 in Chile nahm der venezulanische Staatspräsident das Orchester, also alle 250 Kinder, mit. Bislang keinen Fußbreit aus Caracas herausgekommen lernt das Kind nun die Welt kennen. „Denn danach gab es Verpflichtungen: Auftritte in Chile, Mexiko, Brasilien. Auch in Europa, in Frankreich, Italien.“ Edicson Ruiz Augen hinter randloser Brille, sie strahlen.

Mit 14 Jahren dritte Etappe. „Die meines musikalischen Triumphs.“ Beginn der Erfolgsserie mit dem Zuschlag der Kontrabassstelle im Orchester „Simón Bolívar“, Sitz ebenfalls in Caracas und Spitze der orchestralen Pyramide im Land, Leuchtturm des Fördersystems und – bestes Orchester Lateinamerikas. Ein Berufsorchester. „Im Grunde hatte ich mich vier Jahre darauf vorbereitet: montags, dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags, sonnabends, sonntags.“ Orchesterwechsel und ökonomische Wende. „Vom Habenichts zur finanziellen Vormundschaft über unseren Haushalt. Bis zum heutigen Tag.“ Vom ersten Gehalt kaufte er der Mutter Auto, Tiefkühlschrank, Waschmaschine, Geschirr, Bekleidung. Doch kein Halt im Vorwärtsstreben. „Ich lernte immer weiter von diesen Monstern, den Maestros der Musik.“ Ohne Vorlieben. Kein Vorziehen eines Komponisten. „Musik ist eine historische Chronologie, die ich kennen und beherrschen will: jede Epoche, jeden Stil, alle Farben, Formen, Elemente. Wenn ich 60 bin, werde ich sagen können, ich bin Musiker.“

Furore ohne Ende

Kaum die Orchester gewechselt, ein neues Ziel. „Felix Petit sagte zu mir: ,Du musst einen der wichtigsten Wettbewerbe der Welt gewinnen, den der Internationalen Gesellschaft der Kontrabassisten. Der findet 2001 statt. Du hast zwei Jahre Zeit.’“ Antreten durften 15- bis 18-Jährige. Er war 16 Jahre, als er nach Indianapolis fuhr, spielte und gewann. Mit Elegie und Tarantella von Bottesini für Kontrabass und Piano setze er sich gegen 35 Wettbewerbsteilnehmer aus der Welt durch. In die Heimat zurückgekehrt: erster Auftritt als Solist mit dem Konzert für Kontrabass und Orchester von Kussewitzky. Noch im selben Sommer 2001: Einladung des Schleswig-Holstein Musikfestivals zur Teilnahme an einem international ausgeschriebenen Vorspiel und – erster Preis. Erfolg ebenfalls, als er der Aufforderung eines Bassisten der Berliner Philharmoniker (gerade kennen gelernt in Schleswig-Holstein) folgte, sich um ein Stipendium für die Orchesterakademie der Philharmoniker zu bewerben.

Furore ohne Ende, nur das Alter bremste. Statt unvermittelt seine Vervollkommnung in Berlin aufzunehmen, Rückkehr nach Venezuela, letztes Schuljahr absitzen. Zwölf Monate später, September 2002: Er nimmt seinen Platz in der Orchesterakademie ein. Nur vier Wochen Qualifikation verstreichen, Oktober 2002, schon schlagen Dozenten der Akademie Edicson Ruiz vor, sich am Vorspiel um eine Kontrabass-Vakanz bei den Philharmonikern selber zu beteiligen. Und: erster Platz. „Ich im besten Orchester der Welt!“ Noch einmal bremst sein Alter, Warten bis zur Volljährigkeit (siehe oben).

Beginn der vierten Lebensetappe: 2003, 18 Jahre. Das Mitglied der Berliner Philharmoniker Edicson Ruiz wird als Solist geladen: Ägypten, Spanien, Taiwan, Portugal. „Es ist die Etappe, in der ich als Instrumentalist zu wachsen beginne.“ Kauf des ersten eigenen Instrumentes.

Die Erfahrung innerhalb des Orchesters ist die der Perfektion. „Das Orchester selbst ist jetzt meine Schule.“ Das Zusammenspiel mit den Kollegen, das Einpassen, Einfügen in den Klangkörper steht an. Auch der allerbeste Wettbewerbsteilnehmer durchläuft deshalb eine Probephase. „Ich lerne, was in meinem Vermögen steht.“ Er hat wieder einen Lehrer, den Solobassisten Klaus Stoll. „Er ist wunderbar. Ich erfahre den Inhalt der Töne. Die Textur der Musik.“ Und wieder, indem er musiziert. „Von Anfang an habe ich gelernt, indem ich spielte. Mit dem Instrument in der Hand.“

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