Musik, auch verbal artikuliert

Zum Wettbewerb „Ton und Erklärung“ in München


(nmz) -
Sicheres Auftreten und Schlagfertigkeit vor dem Journalistenmikrofon, das ist für eine erfolgreiche Musiker­karriere eigentlich schon die halbe Miete. Heute mehr denn je, wo die CD-Industrie im Wochentakt neue Stars aus dem Hut zaubert und Wettbewerbe wie Pilze aus dem Boden schießen. Das scheint auch dem Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft nicht entgangen zu sein, der seinen seit 1953 jährlich vergebenen Musikpreis 2007 unter dem Motto „Ton und Erklärung“ neu ausrichtete und mit seinem innovativen Konzept im Augenblick wohl singulär dastehen dürfte.
Ein Artikel von Tobias Hell.

Ausgabe: 
6/11 - 60. Jahrgang

Zwar liegt das Hauptinteresse selbstredend auch hier nach wie vor auf dem musikalischen Talent, doch damit allein ist es jetzt eben nicht mehr getan. Zusätzlich zur spieltechnischen Bewältigung musste der Jahrgang 2011 in den Studios des Bayerischen Rundfunks seine Interpretationen nun auch verbal artikulieren und das Publikum mit kleinen Wortbeiträgen auf das kommende einstimmen – was manchen schwerer und anderen ganz natürlich von den Lippen zu gehen schien.

„Ein guter erster Satz und ein guter letzter Satz. Dazwischen wird dann einfach improvisiert.“ So lautete dabei während der vier stressigen Wettbewerbstage das Erfolgsrezept der aus Rostock stammenden Janka Simowitsch, die sich in München nach getaner Arbeit schließlich über den zweiten Preis freuen durfte und ihren humorvollen Ausführungen über das Pianistenleben auch im Abschlusskonzert noch einmal eine gleichermaßen entspannte wie elegante Interpreta­tion von Robert Schumanns emotionsgeladenem Opus 54 folgen ließ.

Geschlagen geben musste sie sich damit in den Ohren der sieben­köpfigen Fach-Jury (zu der unter anderem ­Pianistin Ewa Kupiec und Salzburgs Festspielintendant Markus Hinterhäuser zählten) lediglich ihrem brasilianischen Kollegen Fabio Martino. Und der darf sich neben dem Preisgeld zusätzlich noch über eine ganz beson­dere Ehre freuen. Denn mit seinem Sieg machte er sich selbst zum Uraufführungsinterpreten der dritten Klaviersonate von York Höller, die als Auftragswerk des Kulturkreises entstand und auf dessen Jahrestagung am 9. Oktober von Fabio Martino in der ­Essener Philharmonie aus der Taufe gehoben wird.

An seinem letzten Tag in München durfte er sich allerdings mit dem fünften Klavierkonzert Ludwig van Beet­hovens vorerst noch einmal ganz klassisch präsentieren und ließ seinen manchmal vielleicht etwas zu ehrfurchtsvoll geratenen Worten über das komponierende Genie ähnlich tief empfundene musikalische Taten folgen. Nach dem Weglegen des Mikros und einer lang ausgekosteten Konzentrationspause schien Martino dabei fast schon in eine andere Welt hin­über zu gleiten und ganz in Beethovens Meisterwerk aufzugehen, bei dem er mit weichem Anschlag und souveräner Gestaltung selbst dem schwerblütigen Zugriff von Dirigent Ulf Schirmer erfolgreich Paroli zu bieten wusste, der gemeinsam mit dem Münchner Rundfunkorchester den Wettbewerb begleitet hatte.

Von ganz anderem Temperament hingegen war der jüngste Wettbewerbsteilnehmer, Aaron Pilsan, der an der Isar eigentlich nur „mal was Neues ausprobieren“ wollte und seine Assozia­tionen zu Franz Liszt immer wieder mit kleinen Musikbeispielen würzte, um so Lust auf mehr zu machen. Was dem gerade 16-jährigen Österreicher mit seinem ebenso überrumpelnden wie authentischen Auftreten dann ­offenbar gleich so gut gelang, dass man für seine erstaunlich reife Interpretation von Liszts „Taran­tella“ ­eigens ­einen zuvor nicht geplanten Sonderpreis aus dem Ärmel schüttelte. Bleibt also nur zu hoffen, dass sich für die hoffnungsvollen Drei nun auch das rechte ­Management findet um sie im Rampenlicht zu halten. Potenzial haben sie dafür alle mehr als genug.

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