Musik machen und verstehen können Markus

Meier antwortet auf Christian Lehmanns Replik „Was den Menschen …“ (nmz 12/10–1/11)


(nmz) -
Christian Lehmann hat in der nmz einige Punkte meines Artikels „Stammt die Musik vom Affen ab?“ kritisch angesprochen und auf Klärungsbedürftiges hingewiesen.
Ein Artikel von Bogotá, Markus Meier.

Ausgabe: 
5/11 - 60. Jahrgang

Dafür bin ich ihm zu Dank verpflichtet. Es erscheint in seiner Replik unstrittig, dass es an den Gesetzmäßigkeiten der Evolution liegt, dass Menschen Musik machen können. Ob allerdings auch „unsere“ europäische Kunstmusik Ergebnis dieses evolutio­nären Prozesses ist, scheint fraglich – selbst J.S. Bach (nur) ein „nackter Affe“? Insbesondere die Rolle der Symmetrie in der musikalischen Komposition wird von Lehmann bestritten und als eine Art „optische Anleihe“ betrachtet. Dem ist zu widersprechen. Zum einen ganz wörtlich: Insbesondere die Musik des Barock kennt mit den Phänomenen von Umkehrung, Krebs und Krebsumkehrung bekanntlich gleich drei konstitutive musikalische Bauprinzipien, die dezidiert „symmetrisch“ strukturiert sind. Man mag das – wie Lehmann – als barocke „Schrulligkeit“ abtun, die hörpsychologisch irrelevant sei. Dass sie gerade in ihrer dem optischen entlehnten Strukturiertheit „musikalische Schönheit“ erzeugen können, weiß jeder, der etwa Bachs subtiles Spiel mit diesen Prinzipien in den „Kanonischen Veränderungen über ‚Vom Himmel hoch‘“ bewundert, nicht zuletzt ihr etwas selbstironisches „Zerbrechen“ in den letzten Takten. Zum anderen ist aber auch etwa die „Symmetrisierung“ der musikalischen Zeit in den musikalischen Formen vor allem der Klassik nicht etwa – wie Lehmann dies vorschlägt – als „Wiederholung“ zu verstehen, als solche wäre sie „leer“. Sinnkonstituierend aber wird sie erst, indem beispielsweise die Wiederaufnahme der Exposition in der Reprise eben nicht „wiederholt“ wird, sondern diese durch subtile Änderungen auf ers­tere Bezug nimmt und beide gleichsam in ihrer Gesamtheit „zum ersten mal“ erst aufscheinen – symmetrische Strukturierung des musikalischen Raumes als Zeit.

Ein Fragezeichen möchte ich trotzdem hinter den etwas „hemdsärmeligen“ Preis des „musischen Tuns“ setzen – „vital“ und „gesund“, wie Lehmann schreibt. Die „auditive Wahrnehmungserziehung“ der 70er war schon terminologisch eine musikpädagogische Totgeburt, d’accord. Trotzdem darf das „geistige“ Potenzial von Musik nicht gegen dessen „gemeinschaftsbildende Kraft“ ausgespielt werden, schon gar nicht von Biomusikologen: „Wenn die Menschen erst einmal zu marschieren beginnen, steckt der Verstand meist in der Trompete“, sagt ein russisches Sprichwort. Das war in den 70er-Jahren noch präsente historische Erfahrung.

Im Übrigen spricht mein Artikel an keiner Stelle davon, es gäbe „eine Weltsprache Musik“ oder ähnliches. Wie langweilig wäre denn auch das. Es gibt keine konkret-historische Musik als menschliche Universalie – die menschliche Universalie, die uns vom Affen so glücklich trennt, ist eine andere: Musik machen und verstehen können.
  

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