Musik steht am Anfang und am Ende
Zur Hauptarbeitstagung des Verbandes deutscher Musikschulen in Limburg
Ein Artikel von Andreas Kolb.
Musikalische Bildung von Anfang an, Musik im dritten Lebensabschnitt oder Musikschulen und interkultureller Dialog – die Titel der Vorträge lässt nur einen Schluss zu: Auch beim VdM hat die Kulturelle Bildung Hochkonjunktur. Warum Themen wie Seniorenarbeit von zentraler Bedeutung für den VdM geworden sind und wie sie sich mit dem Thema Ganztagsschule verknüpfen lassen, machte Barbara Metzger, Professorin für Elementare Musikpraxis an der Musikhochschule Würzburg, in ihrem Vortrag anschaulich. „80 plus trifft 10 minus“ heißt ein Projekt, das sie mit ihren Studenten seit einiger Zeit durchführt. Zwölf Kinder der Diagnose- und Förderklasse einer Schule zur individuellen Lernförderung kommen jeden Dienstag von zehn bis elf Uhr zu zehn bis vierzehn Senioren in einem Wohn- und Pflegeheim. Barbara Metzgers Bericht machte klar: Trotz überalterter Bevölkerungsstruktur leben junge Menschen in einer seniorenlosen Gesellschaft, denn in der Familie leben alte Menschen heute nicht mehr und die Parkanlagen und Wohnräume der Seniorenheime pflegen und unterstützen ihre Klientel nicht nur, sondern schotten sie auch ab. Metzger berichtete, dass nicht nur für die Kinder das Erlebnis Alter ein neues war, sondern selbst für einzelne Musikstudentinnen. Wenn eine frühere Pianistin nur noch mit Mühe zwei Stäbe eines Xylophons zum Klingen bringen kann, dann ist ein Musiker in dieser Situation nicht nur als EMP-Fachmann gefordert, sondern als mit- und einfühlender Mensch.
Inwiefern Musizieren auch in höherem Alter bildet, legte Ulrich Mahlert, UdK Berlin, dar. Er bezog sich bei seinen Ausführungen auf den Philosophen und Bildungstheoretiker Georg Picht, der sagt, dass Bildung die erworbene Fähigkeit ist, „Wirklichkeitselemente aufeinander zu beziehen, scheinbar Bezugsloses in verborgenen Zusammenhängen wahrzunehmen. Die Musik öffnet einen ‚Raum des Geistes’, in dem Wahrnehmbares in seinen subtilsten Zusammenhängen erfahrbar wird.“
Mahlert legte das altersfreundliche Potenzial des Musizierens dar, betonte vor allem die Freude am Anfangen. Das Handwerkliche am Musikmachen müsse den jeweiligen Fähigkeiten von „go goes, slow goes und no goes“ angepasst werden. Und weiter: Das Gehör schläft nie, es gilt als der letzte Sinn, der noch bis zum Tode funktioniert.
Dass man beim Thema Musik in der Erwachsenenbildung beinahe zwangsläufig auch an die Bereiche Musiktherapie oder Medizin stößt, machte Rolf Fritsch, Direktor der Musikakademie Trossingen, in seinem Vortrag deutlich. Fritsch entwickelte ein Angebot zur zertifizierten Weiterbildung von Musikschullehrern, das sich aus einem Grundseminar aus Musikgeragogik, den vier Elementen Instrumentalmethodik, Musik mit Senioren, Musik in der Betreuung und Musiktherapie sowie einem projektbezogenen Aufbauseminar zusammensetzt.
Michael Dartsch von der Hochschule für Musik Saarland berichtete von einer Studie zu Wirkungen und Voraussetzungen von Musikalischer Früherziehung an seinem Institut, deren Auswertung bis zum Herbst 2008 abgeschlossen sein soll. An der Untersuchung nahmen insgesamt rund 1.000 Kinder im Musikalischen Früherziehungsalter an nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Musikschulen teil. Vorträge von Andreas Fervers, Musikschule Denzlingen, zum Thema Neue Medien sowie Sibylle Gräfin Strachwitz, Vorstandsmitglied der Bundes-Eltern-Vertretung und Christiane Krüger, stellvertretende Vorsitzende des VdM, über die Elternarbeit an Musikschulen ergänzten das Forum. Wie einzelne Musikschulen die genannten Themen umsetzen und vor allem auch finanzieren, ließen die Expertenbeiträge offen – ein Thema für den nächsten Musikschulkongress im Mai 2009 in Berlin.
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