Nebenzentrum der Neuen Musik
Klaus Lauer gestaltet Bad Reichenhalls „Alpenklassik“-Festival
Ein Artikel von Gerhard Rohde.
Nach dem Verkauf seines Badenweiler Hotels fand Klaus Lauer in Bad Reichenhall – und auch im fernen New York – eine neue Heimstatt für seine musikalischen Vorstellungen. Reichenhalls resolute Kurdirektorin namens Gabriella Squarra nahm die Gelegenheit wahr, mit Lauer der einheimischen „AlpenKlassik“ etwas mehr weltläufiges Flair zu verleihen. Zum dritten Mal schon gestaltete Klaus Lauer sein „Flair“ der „AlpenKlassik“, diesmal mit einer „Carte blanche à Pierre-Laurent Aimard“ und Werken, die man unter dem Begriff einer letzten Romantik subsumieren könnte: Zemlinsky, Mahler, Brahms und Schönberg, dessen Sextett „Verklärte Nacht“ durch das Emerson Quartet sowie Matthew Hunter (Viola) und Roberta Cooper (Cello) eine perfekte Wiedergabe erfuhr: hochexpressiv, klangfarbenreich, dramatisch vibrierend, zart schwebend und geheimnisvoll verklingend. Faszinierend. Harte Arbeit auch für das Publikum galt es beim Abend mit dem amerikanischen Pacifica Quartet zu leisten: Auf Beethovens vierzigminütiges cis-Moll-Werk op. 131 folgte Elliott Carters genauso umfangreiches String Quartet Nr. 1 von 1951, das aber rein gefühlsmäßig kürzer wirkte, weil die vier Pacifica-Musiker es mit einer unglaublichen Souveränität, Leichtigkeit, Transparenz und gestischen Beweglichkeit darstellten.
Beim Liederabend Hedwig Fassbenders fiel besonders der begleitende Pianist Florent Boffard auf, als er zum Entree Sechs Klavierstücke op. 118 (1892) von Brahms mit einer Klarheit und strukturierten Deutlichkeit interpretierte, die den Wunsch nach einem ganzen Brahms-Recital mit ihm weckte.
Welche Musik schätzt Pierre-Laurent Aimard am meisten? Messiaen? Boulez? Keineswegs nur. Seine Carte blanche enthielt eher mehr Mündelsicheres aus Klassik und Romantik, beispielsweise Mozarts Sonate für zwei Klaviere (D-Dur KV 448) oder für dieselbe Besetzung von Brahms dessen Sonate op. 34b. Bei beiden Werken brillierte neben Aimard seine langjährige Partnerin Tamara Stefanovich, die nicht nur teuflisch gut Boulez und Messiaen spielen kann, sondern auch einen brillanten Mozart: leicht, kantabel, spirituell – alles in schönster Balance. Aimard hatte auch seine Schwester, Valérie Aimard, mitgebracht, eine technisch versierte, fließend-elegant spielende Cellistin, was an der Seite des Bruders Sonaten von Debussy und Mendelssohn Bartholdy und mit dem Kuss-Quartett dem C-Dur-Streichquintett (D 956) von Schubert zum Vorteil geriet.
Es gab auch eine Uraufführung: Die 28-jährige Birke Bertelsmeier, Schülerin von Wolfgang Rihm, komponierte ein Orchesterstück, das den Titel „…reicher Hall“ erhielt. Eine Art Klangstudie mit zwei im Raum postierten Ins-trumentalisten, die aus tastendem Beginn allmählich immer ausgreifendere Klangperspektiven entfaltet. Das wirkt durchaus gekonnt komponiert, könnte aber einen noch individuelleren Zugriff auf das Material vertragen. Ein bisschen „Tutuguri“-Würze vom Meister. Dass sich die Bad Reichenhaller Philharmonie mit ihrem Chefdirigenten Thomas J. Mandl mit zwei Konzerten an der „AlpenKlassik“ beteiligt – unter anderem mit für das Orchester so ungewohnten Werken von Janácek, Villa-Lobos, Krenek, Edward Elgar und eben der Uraufführung –, verdient mehr als Anerkennung. Angespornt durch die starke „Konkurrenz“ der Lauer-Musiker, agierten Reichenhalls Philharmoniker auf erstaunlichem Niveau.
Im nächsten Jahr wird die „AlpenKlassik“ erstmals nicht parallel zu den letzten zehn Tagen der benachbarten Salzburger Festspiele stattfinden, sondern im späten Oktober. An vier Abenden gastieren Künstler der „Chamber Music Society of Lincoln Center“ in Bad Reichenhall. Weltstadt und Kurort musikalisch auf einem Niveau.
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