Opernwelten


(nmz) -
Früher war alles ganz einfach. Ein Komponist, der einen Auftrag für eine neue Oper erhalten hatte, suchte sich in Dichtkunst, Dramenliteratur oder in der antiken Mythologie ein entsprechendes Sujet aus, engagierte einen erfahrenen Librettisten, der das meist umfängliche Material auf Opernmaße eindampfte, Arien-Texte, Duette und Ensembles hinzuerfand – fertig war die neue Oper, die nur noch mit Musik überwölbt werden musste. Das funktionierte bestens über vier Jahrhunderte, von Monteverdi bis zu Richard Strauss, und weiter bis zu Bergs „Wozzeck“ und der „Lulu“, und sogar noch bis zu Hans Werner Henze.
Ein Artikel von Gerhard Rohde.

Ausgabe: 
4/10 - 59. Jahrgang

Dann verzweigten sich die Entwicklungen. Während die einen, etwa wie Giselher Klebe, unerschütterlich an der so genannten Literaturoper festhielten, suchten andere nach neuen Formen einer Oper, die dabei gleichzeitig neue Klassifikationen erhielt. Musiktheater statt der altbackenen Oper hieß die beliebteste – was insofern einen „weißen Schimmel“ bedeutete, weil die Kunstform Oper vom Beginn an stets zugleich das Theatralische beinhaltete. Die Operngeschichte begleitete von Beginn an die Diskussion über den Vorrang von Wort oder Ton.

In wachsendem Maße ist für die Darstellung der Kunstform „Oper“ auch das Theater selbst wichtig geworden. Die Begriffe Regietheater oder Regisseurstheater lösen immer wieder heftige Diskussionen aus. Wobei man diese beiden Bezeichnungen nicht als identisch sehen darf. Regie hat auch schon Lully in der Oper geführt, wenn er den Sängern ihre Positionen zuteilte. Das Regisseurstheater unserer Zeit führt darüber weit hinaus, weil es in einem eigenschöpferischen Sinn viele Werke des Repertoires und auch neue Opern aus einer neuen, oft veränderten Sicht betrachtet und auf entsprechende Weise szenisch umsetzt. Dabei entsteht zwangsläufig viel Unfug, weil die Intelligenz der Opernregisseure keine einheitliche Größe darstellt. Die kompetentesten unter ihnen haben aber immer wieder mitunter genialische szenisch-optische Interpretationen, sowohl etablierter Opernwerke als auch neuer oder wiederentdeckter Titel, der Oper  gleichsam geschenkt. Die Ära Gielen an der Frankfurter Oper, Klaus Zeheleins Stuttgarter Zeit mögen dafür neben anderen als leuchtende Beispiele genannt sein.

Das ungebrochene Interesse von Komponisten und Theatern an der Kunstform Oper zeigt sich auch an der mitunter fast beängstigenden Zahl an neuen Werken, die musikweltweit ihre Uraufführungen erleben. In dieser Ausgabe der neuen musikzeitung (Seite 37 ff.) berichten wir über ein halbes Dutzend neuer Opern, die in verschiedenster Art sich sowohl mit der Form eines neuen musikalischen Theaters als auch mit den Inhalten für neue Opern auseinandersetzen. Die Vielfalt der Perspektiven, die sich dabei ergeben, mag für manchen vielleicht verwirrend sein. Für die Kunstform Oper bedeuten alle diese Unternehmungen, gleich ob als Oper, Opern-Theater, Musiktheater, Hör-Theater oder Klangraum-Installation bezeichnet, dass die Oper lebt, weil sie unverändert ihre emotionalen Energien auf die Menschen abstrahlt. Was gibt es wichtigeres und wertvolleres?

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