Orwells Triumph: die Kulturen der Lüge
Ein Artikel von Helmut Hein.
Man kann auch lügen, indem man verschweigt; oder die Geschichte so erzählt, dass sie der Zuhörer wahrscheinlich falsch versteht. Die hochbrisante Äußerung des neuen iranischen Präsidenten Ahmadineschad, Israel müsse von der Landkarte verschwinden, wurde unisono so kolportiert, dass man sie „nach Auschwitz“ als Aufforderung zum Massenmord an den Juden verstehen musste und nicht „nur“ als Forderung der Ersetzung des „zionistischen“ Staates Israel durch ein multi-ethnisches „demokratisches“ Palästina. Wohlgemerkt: Die Rede Ahmadineschads ist auch in ihrer „authentischen“ Version explosiv genug, aber es besteht doch ein Riesenunterschied zwischen einer falschen, vielleicht sogar fatalen Politik und schierer Mordlust. Wer in den 60er- oder 70er-Jahren junge Menschen von den Vorzügen der westlichen Lebensform, speziell des freien Worts, der freien Presse überzeugen wollte, der gab ihnen gern das „Neue Deutschland“, das Verlautbarungsorgan des DDR-Regimes zu lesen. Das war eine orwellsche Erfahrung. Der große Bruder sprach und alle hörten zu. Selbst zu sprechen, gar anders, „abweichend“ zu argumentieren, konnte einem Kopf und Kragen kosten. Bedrückender noch als die Lüge wirkte die absolute Vorhersehbarkeit all dessen, was da gedruckt wurde. Man brauchte das „Neue Deutschland“ nicht zu lesen, weil man auch ohne Lektüre wusste, was zu einem bestimmten Thema drinstand. Mittlerweile wirkt auch die „freie“ Presse im siegreichen Westen oft merkwürdig gleichgeschaltet. Zu manchem scheint eine abweichende Meinung nicht mehr möglich, weil man dadurch seine Existenz, seine Stellung riskierte.
In anderen Fällen wird so plump gelogen, als komme es auf die Logik der eigenen Rede längst nicht mehr an. Wenn etwa der „Steuerexperte“ Kirchhof, der durch seine „aufkommensneutrale“ Reform die Reichen und ganz Reichen um zigtausende Euro entlasten wollte, zugleich behauptete, die neuen Regeln kämen allen, vor allem den Ärmeren zugute. Oder wenn man bei den neuen Hartz- IV-Regelungen von „Missbrauch“ spricht, nur weil die Betroffenen von den Paragraphen so Gebrauch machten, wie es nicht im Sinne der Erfinder ist. Dazu passt dann auch ein neuer „big brother“-Totalitarismus mitten in der freiheitlichen Gesellschaft. Etwa wenn Behördenvertreter drohend und vieldeutig sagen, man habe mehrmals zu verschiedenen Zeiten bei Herrn oder Frau X angerufen und nie jemanden „angetroffen“. Als gelte für Langzeitarbeitslose bereits Hausarrest oder zumindest die Pflicht, den Telefonhörer abzuheben.
Tags in diesem Artikel
Ähnliche Artikel
01.02.2007 Ausgabe 2/07 - 56. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Helmut Hein
01.03.2006 Ausgabe 3/06 - 55. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Helmut Hein
30.04.2006 Ausgabe 5/06 - 55. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Helmut Hein
30.06.2006 Ausgabe 7/06 - 55. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Helmut Hein
30.09.2006 Ausgabe 10/06 - 55. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Helmut Hein
01.11.2006 Ausgabe 11/06 - 55. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Helmut Hein
30.04.2005 Ausgabe 5/05 - 54. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Helmut Hein

Kommentar hinzufügen