Physische Präsenz
Luciano Berio: Orchesterwerke
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld.
Sowohl sie gehend als auch für sich haben „Chemins“ (Wege) eine physische Präsenz, in der Musik von Luciano Berio sind sie darüber hinaus metaphorisch da. So als unruhiges Parlando einer Harfe, deren Solo splittrig und doch filigran beginnt. Unterwegs festigt Anna Verkholantseva es aber mit perkussiver Eigenresonanz gegen zunächst sporadischen, dann massiv wachsenden Widerstand eines Orchesterdickichts und erkämpft in eruptiven Momenten sozusagen Horizonte. Was in „Chemins I“ wie ein Concerto konzipiert ist, wird in „Chemins IIb“ für Orchester zu elektrischen Bahnen innerhalb eines Labyrinths modifiziert. Klanggewitter lassen gelegentlich Raum für versteckte Solopassagen einzelner Streicher und Perkussion, ohne dass ein Ziel erkennbar wäre.
Andere Bahnen, nämlich wie in einem Hippodrom, sucht sich das Gespann des „Concerto für 2 Klaviere“, das GrauSchumacher Piano Duo, indem es nach einem lyrischen Intro in verteilten Rollen – ruhiges Ostinato versus nervös-harte Interjektionen – dann eine rhythmisch tackernde Front zu Seitensoli aus verschiedenen Orchestersektionen aufbaut und schließlich im Galopp zum Finale strebt. Mit ähnlicher Vehemenz drängen Klangfarben durch „Formazioni“, die sich in dramatischen Episoden ausbreiten. Dieses Ensemble-Pendant zum Klavierkonzert ist strikter gestaltet und wirkt gerade beim Vergleich der vier Werke als mit Kraft gemeißelte Skulptur.
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