Schatten-Existenz

Woldemar Bargiel: Klaviertrios


(nmz) -
Woldemar Bargiel: Klaviertrio op. 6, Adagio für Cello und Orchester (arrangiert für Klavier vom Komponisten) op. 38, Violin-Klavier-Sonate op. 10. Trio Parnassus. Dabringhaus und Grimm
MDG 303 0806-2

Woldemar Bargiel: Klaviertrios op. 20 und op. 37. Trio Parnassus. Dabringhaus und Grimm MDG 303 0805-2
Ein Artikel von Hanspeter Krellmann.

Ausgabe: 
5/09 - 58. Jahrgang

Der romantische, auf Tonträgern bisher kaum vertretene Komponist Woldemar Bargiel (1828–1897), interessiert nun in einer ihn auf zwei CDs präsentierenden Edition zunächst schon deshalb, weil er Clara Schumanns um neun Jahre jüngerer Halbbruder war. Er stammte aus der zweiten Ehe beider Mutter, die sich von Claras Vater Friedrich Wieck hatte scheiden lassen.

Bargiel bildet in der Musikgeschichte, gemeinsam mit vielen deutschen – größtenteils vergessenen – Komponisten wie Kiel, Draeseke, Reineke, Dietrich, immerhin einen, allerdings im Hintergrund bleibenden Kristallisationspunkt. Die genannte Komponistengruppe richtete sich zwischen den sich beargwöhnenden Fronten der klassizistischen Leipziger Schule Mendelssohns und der Neudeutschen um Franz Liszt, ein. Dem im zweiten Glied stehenden Bargiel eröffnete sich nie die Möglichkeit (was bis heute anhält), die Schattenwürfe Schumanns und Brahms’ zu überwinden. Wie Schumann und Mendelssohn betätigten sich er und seine Kollegen als Pädagogen und als Interpreten, gelegentlich in Leitungspositionen, ließen sich aber auch als Komponisten nie entmutigen. Schumann hat die Laufbahn seines achtzehn Jahre jüngeren Schwagers, der sich gegenüber seinen großen Zeitgenossen immer zurücknahm, unterstützend zu beeinflussen gesucht. Und auch die Schwester Clara und Brahms verfolgten seinen Weg anregend-wohlwollend.

Da die Zeitläufte über Bargiel hinweggegangen sind, hört man sich umso aufmerksamer in seine drei vom Trio Parnassus aufgenommenen Klaviertrios hinein. Sie bedeuteten damals ein heikles Unterfangen angesichts der gleichbesetzten Werke Schumanns, Mendelssohns und auch Clara Schumanns. Vergleiche mit diesen verstellen noch heute den objektivierenden Blick auf Bargiel. Er beherrschte die geltenden Musikformen im klassizistisch-nachahmenden Sinn und verfügte, aufs Ganze gesehen, über einen fantasieerfüllten musikalischen Einfallsreichtum. Ihm zu Lebzeiten vorgeworfene tonsetzerische Eigenwilligkeiten bestätigen heute seinen Originalitätsanspruch. Was ihm in toto vorschwebte, setzte er freilich unterschiedlich geschickt um. Überzeugende thematische Ansätze wechseln mit konventionell verflachenden Eingebungen. Auch kann Bargiel den ihm durchaus gegebenen klanglichen Schwung oft nicht durchhalten, weil seine Durchführungsarbeit in ausufernden Verlängerungswirkungen verebbt.

Das bliebe ein marginaler Gesichtspunkt, wenn man seine drei Klaviertrios ohne Kenntnis derjenigen von Mendelssohn und Schumann hörte. Ohne deren Meisterwerke könnten sie sogar einen Stammplatz in diesem Gattungsbereich besetzen. Eine Repertoirefähigkeit besitzen sie ohnedies. Das Trio Parnassus spielt sie überzeugend, vor allem dessen beide Streicher. Vom Pianisten, den Intonationsschwächen seines Instrumentes offensichtlich nicht stören, sind die Tendenz zu Anschlagshärten und einige Vortragsungenauigkeiten hinzunehmen.

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