Schlaglichter
Ein Artikel von Gerhard Rohde.
Nun haben wir fast die Eingangsfrage ein wenig aus den Augen verloren: Was den Dirigenten und den Dezernenten verbindet, könnte man als die Missachtung der Kultur insgesamt und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung bezeichnen. Christian Thielemann ist zwar nicht ganz zu Unrecht darüber verärgert, dass der Konkurrenz in Barenboims Lindenoper aus Bundesmitteln ein oder knapp zwei Millionen Euro für das Orchester zufließen, „seinem“ Orchester an der Deutschen Oper dagegen gar nichts. Ihm liefen wegen Schlechterstellung schon die qualifizierten Musiker weg, sagt Thielemann. Erstaunlich, dass er das überhaupt bemerkt hat, steht er doch in dieser Saison nur neunzehn Mal vor „seinem“ Orchester, das er angeblich „liebt“. Wenn ein Chefdirigent sein Orchester im Jahr nur neunzehn Mal trifft, dann kann es sich nicht um einen Chefdirigenten handeln, bestenfalls um einen Einspringer, der zu allem Überfluss auch noch eine fast ungebührlich hohe Jahresgage bezieht. Dass Thielemann eine Neigung zu selbstherrlicher Unanständigkeit besitzt, wussten vor den Berliner Kulturverantwortlichen allerdings schon die Nürnberger Kollegen. Aber in der Hauptstadt liest man zu eigenem Schaden wohl keine Provinzzeitungen. Wer in dieser für die Kultur so schwierigen Zeit die Verantwortung, in diesem Fall für ein Orchester und den Musikbereich eines Opernhauses, so mutwillig, wie ein ungezogener Junge das Spielzeug, fortwirft, beweist damit nur, dass er keine Ver- antwortung für ein Theater oder Orchester übernehmen kann: Thielemann sollte sich auf seine ganz persönliche Karriere konzentrieren, für die Chefposition in einem Opernhaus ist er charakterlich ungeeignet. Nur fordern und hinschmeißen ist ein bisschen wenig Qualifikation. Thielemann behandelt den sensiblen Gegenstand Kultur eben- so grobianisch wie die oft gescholtenen Politiker. Das sensibilistische Gehabe am Dirigierpult erscheint nur mehr als pures Täuschungsmanöver.
Daneben erscheint der Fall Nordhoff eher harmlos. Frankfurt gibt pro Kopf der Einwohner und auch absolut immer noch sehr viel Geld aus für die Kultur, mehr als alle anderen deutschen Städte. Hans-Bernhard Nordhoff ist wohl ein ordentlicher Kassenwart, der penibel auf seinen Etat schaut. Von einem Dezernenten für Kunst und Kultur erwartet man aber dann doch etwas mehr: Enthusiasmus, kreative Phantasie, das Wissen, wie wichtig Kultur für eine Civitas, eine versammelte Bürgerschaft ist. Entsprechende Vorwürfe an Nordhoff treffen aber nicht allein seine Person, sondern auch diejenigen, die ihn aus politischem Opportunismus (wieder-) gewählt haben. Den Schaden trägt allein die Kultur davon. Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit sind ihre schlimmsten Feinde neben der rücksichtslosen Ausbeutung durch sogenannte Kunstschaffende, die sich wie Fußballer oder Großaktionäre benehmen, die nur auf die Dividende sehen.
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