Schwund

Theo Geißler zum Verlust dreier Freunde, Kollegen und Weggefährten


(nmz) -
Wenn einem binnen weniger Monate drei enge Freunde, Kollegen und Weggefährten – wie es volkstümlich so lakonisch heißt: wegsterben, dann kann sich zu Trauer und Schmerz auch Abgründiges gesellen: Zum Beispiel schießt der dumme alte Militärspruch „Die Einschläge kommen näher“ larmoyant ins neuronale Netzwerk ein – und lässt sich kaum löschen.
Ein Artikel von Theo Geißler.

Ausgabe: 
9/09 - 58. Jahrgang

Mit dem Tod von Stefan Meuschel, Reinhard Schulz und soeben Klaus Obermayer haben unsere Arbeit, unser Verlag, aber auch jeder von uns ganz persönlich Verlust erlitten.  Wir trauern um sehr eigenständige, deshalb im besten Wortsinn eigentümliche und folglich unterschiedliche Persönlichkeiten: Stefan, der universal gebildete gewerkschaftsverbundene Anti-Gewerkschafter mit ausgeprägt liberalem Gerechtigkeitssinn und tiefer Liebe zur künstlerischen Qualität. Reinhard, der Seher und Fühler aus dem Bayerischen Wald – mit Blick für weltweite Werte-Gestaltung – und kaum trüglichem Gespür für Stimmiges, Gültiges und Wahres in der Musik aller Zeiten. Klaus, der widerständige Komponist und Fagottist, heiter, kauzig, konsequent, so unberechenbar wie zuverlässig, risikobereiter Verleger und Kämpfer um bessere Berufsbedingungen für alle Musiker-Sparten.

Immerhin: Die Drei kannten sich, mochten sich. Und das mag eben aus den Eigenheiten resultieren, die man beim jeweils anderen sympathisch wahrnimmt, wenn sich Charaktereigenschaften, Grundhaltungen, aber auch Seitenblicke vom angepassten Mainstream, von der Normalität des Immobilen, dem gängigen gesellschaftlichen Konventions-Katalog abheben.

Diese Ballung an kreativer Devianz – konstruktiv, phantasievoll und eben auch hochkompetent – wird uns künftig fehlen. Unserer Werkstatt hier in Regensburg – und dem deutschen Musikleben. Für letzteres aus unserer Sicht auch ein besonders schmerzlicher Verlust, weil es aktuell unter gewissen Selbstmord-Tendenzen leidet. Die Komponisten aller Klangfarben in ideologische oder ästhetische Inzest-Zirkel zerstritten und zersplittert, zumeist auf der Hatz nach dem fettesten ökonomischen Kuchenstück, das ihnen globale Content-Provider vor die Nase gaukeln. Die Interpreten gefangen in der Verwertungspresse bröckelnder Orchester-Strukturen, unter stetem materiell-gesellschaftlichem Legitimationsdruck. Von aufgezwungener Hochleistungssport-Ästhetik im Solo-Fach ganz zu schweigen. Akrobatik statt Empfindung, Reiz statt Einfühlung allenthalben. Unsere Pädagoginnen und Pädagogen verharren im sozialen Mauerblümchen-Kostüm. Ihre Klientel amüsiert sich digital gefüttert und medial zugemüllt. Die Musik-Politik oft in den Händen engdenkender Funktionäre samt adäquat dürftigem Selbstbewusstsein – ein Jammertal. Und über allem wabert eine selbsternannte gesellschaftsrelevante „Kreativ-Wirtschaft“, der die Maskierung von Kultur zum Kasperl demnächst gelingen dürfte …

Ja, das sind unsere Baustellen, an denen uns künftig drei Architekten, drei Ingenieure und drei tatkräftige Arbeiter fehlen werden. Es geht weiter. Angeblich stirbt die Hoffnung zuletzt.

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