Software liegt immer noch voll im Trend

Sinnvolles und Absurdes auf der Musikmesse


(nmz) -

Das Softwareangebot steigt gegenüber früheren Jahren immer weiter, wenngleich auch für den Pädagogen der Versuch, Sinnvolles von nicht Sinnvollem zu unterscheiden, mit sehr weiten Wegen durch den Elektronik-Dschungel der Musikmesse verbunden ist. Auch ist der computernutzende Pädagoge immer öfter anzutreffen, so dass es durchaus Sinn macht, hier einen kurzen Einblick zu eröffnen und einige Grundsatzfragen einmal mehr, aber berechtigt zur Diskussion zu stellen. Aber natürlich gibt es neben Nützlichem und sehr Nützlichem dabei auch einige Absurditäten, die dem Leser nicht vorenthalten werden sollen.

Ein Artikel von Ruth-Iris Frey-Samlowski.

Ausgabe: 
6/04 - 53. Jahrgang

Vielversprechende Nachricht kommt von der Internationalen Datenbank für Noten und Verlagsartikel (idnv): zur speziellen Software zur Nutzung der erarbeiteten Datenbank durch Handel, Verlage und Bibliotheken soll demnächst eine CD-Rom für Lehrer, Musiker, et cetera im Fachhandel Musik erhältlich sein, die diesen einschließlich einer Merkzettelfunktion Zugang zu dieser Datenbank zu Hause am Computer ermöglicht. Offen bleibt bei aller Nützlichkeit nur die Frage, wie angesichts der Explosion neuer Angebote die Aktualität auch zu Hause gewahrt bleibt. Ein pragmatisches Update-Konzept oder ein ständig aktualisierter Zugang über Internet würden hier sicher helfen. Selbstspielsysteme als Nachrüstsatz werden – wie alle Elektronik – immer besser und billiger und offensichtlich – warum auch immer – gefragter. „Vocaloid“ heißt das Programm aus Japan, das einen auf dem Computer eingegebenen Text ohne kompositorisches Dazutun zu einem gesungenen Lied umwandelt, bei dem der geneigte untätige Zuhörer dann nur noch die Ausdrucksstärke und Timbre der Stimme einstellen „darf“ – Ist ein guter Komponist oder Arrangeur so leicht zu ersetzen?

Die Weltneuheit „MuseBook Score“, ein elektronischer Seitenblätterer, läßt viele – vielleicht sogar im Konzert Blättergeschädigte – neugierig werden. Sollte hier tatsächlich eine Lösung für das bekannte Problem angeboten werden? Etwa kein nervenzehrendes Blättern für Spielende und Blätterer ? Es wäre zu schön. Tatsächlich handelt es sich um ein elektronisches Notenformat, das zwar Notizen des Spielers zulässt und freundlicherweise gleichzeitig den aktuellen Spielstand in Echtzeit und in „benutzerdefinierten Farben“ anzeigt. Einziger Haken und damit k.o.-Kriterium dabei ist, dass das System keine Ahnung hat, wie ein Musizierender wirklich Noten liest, deshalb blättert das System auch trotz mikrofongesteuerter Koordination in diesem Sinne nicht richtig. Die Funktion des automatischen Klaviers, zum besseren Verständnis und zum Einprägen zu nutzen, ist wider alle vernünftigen pädagogischen Ansätze. Ebenso absurd ist die Darstellung des Herstellers, es handele sich hierbei um einen Weg, einfacher Noten zu lesen – ganz im Gegenteil: der Anfänger lernt es falsch und der Fortgeschrittene ist irritiert, ganz zu schweigen von musikmedizinischen Aspekten, die die Darstellungsoptik und die erzwungene Haltung am Instrument betreffen.

Mit dem Audio-to-midi-Konverter können CDs, Wav.-Dateien und MP3-Aufnahmen in Noten umgerechnet, bearbeitet und ausgedruckt werden.

Der neue Smartscore 3 bietet gerade für den individuellen Anwendungsbereich neue Möglichkeiten zum Scannen auch von umfangreichen Notentexten und zu deren Umwandlung in einen bearbeitbaren, transponierbaren und klingenden Notentext, sowie zum Speichern als Wav.- oder MP3-Datei.

Auch das Notationsprogramm Sibelius hat seine Version 3 neu im Angebot. Neben wesentlichen Neuerungen für Arrangeure, Komponisten und Notensetzer enthält das Programm 20 Klänge verschiedener Instrumente, darunter Chorstimmen und die eines Bösendorfer-Klaviers. Auch gibt es die Möglichkeit, die eigenen Kompositionen auf CD zu brennen oder ins Internet zu stellen. Gleichzeitig enthält Sibelius eine Reihe von Funktionen, die für die musikalische Ausbildung nutzbar sind.

Das Angebot an Programmen zur Ausbildung nimmt zu und ist sicherlich gut gemeint. Die Programme dürfen aber nicht nur wegen leichter individueller Anpassbarkeit überzeugen, sondern müssen auf ihr spezifisches oder überhaupt ein pädagogisches und methodisches Konzept geprüft werden. Notentrainer, Rhythmustrainer, Musiktheorietrainer, Gehörbildungstrainer sind hierbei von verschiedenen Anbietern erhältlich. Aber auch eine Reihe von Gitarren- und Keyboard-Schulen zum Selbststudium oder zum Gebrauch im Unterricht sind bereits erschienen oder angekündigt. Eine Grundregel gilt aber auch hier: einfach die Software kaufen und dem Schüler in die Hand drücken oder selbst im Unterricht anwenden ist nicht angesagt. Besser ist es, sich in Ruhe eine Marktübersicht zu verschaffen, seine eigenen Kenntnisse im Umgang mit der Technik/dem Computer zu prüfen und gegebenenfalls zu erweitern – und nach dem vorhergehenden sorgsamen Studium von Herstellerunterlagen auf der Messe selbst auszuprobieren.

Unumgängliches Muss ist die sorgsame Prüfung der Programme auf eine sinnvolle pädagogische, didaktische und methodische Anwendbarkeit generell und in Bezug auf die einzelnen Unterrichtsformen, -inhalte und -situationen.

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