Spagat zwischen lokaler Tradition und Neuem
Kritikerpreis Musik geht dieses Jahr an die Musikakademie Rheinsberg
Ein Artikel von Barbara Lieberwirth.
An diesem Ort eine Musikakademie ins Leben zu rufen, könnte man fast als zwingend bezeichnen. In den dreizehn Jahren ihres Bestehens hat sie ihre musikalischen Bildungsangebote für Profis und Laien, ihre Forschungs- und Veranstaltungstätigkeit kontinuierlich ausgebaut. Und hier ist den Betreibern ein wahrer Spagat gelungen. Einerseits der lokalen Tradition verpflichtet, erschließen die Mitarbeiter musikalische Schätze, geben Notenmaterial heraus und bringen längst und zu Unrecht vergessene Werke aus der Zeit der einstigen Residenz der Preußenprinzen zur Aufführung. Werke der Rheinsberger Hofmusik, von Schaffrath und Graun wurden in Rheinsberg neu entdeckt, aufgearbeitet und aufgeführt. „Festtage der Alten Musik“ mit der alljährlich neu firmierten „Rheinsberger Hofkapelle“ stehen regelmäßig zu Ostern auf dem Plan.
Andererseits hat auch die neue Musik ihren festen Platz im Programm der Akademie, die „Pfingstwerkstatt für Neue Musik“ ist dafür prädestiniert. Werke wie „L’ homme machine- Der Maschinenmensch“ von Georg Katzer oder Paul Heinz Dittrichs „Zerbrochener Krug“ kamen hier zur Uraufführung. Allein im Jahr 2003 – der Kritikerpreis bezieht sich auf die Leistungen des jeweils vergangenen Jahres – stand neben der Aufführung von Glucks Oper „Paris und Helena“ Franz Schrekers Ballett „Der Geburtstag der Infantin“.
Gelenkt werden alle Aktivitäten von der Geschäftsführerin und Künstlerischen Leiterin Ulrike Liedtke. Sie und ihr Team mussten oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten. War es Anfang der neunziger Jahre noch die mangelhafte bauliche Substanz der Akademie, ist heute mehr und mehr gegen finanzielle Einbußen zu kämpfen. Allein im vergangenen Jahr wurden die in Aussicht gestellten Zuwendungen des Landes Brandenburg um ein viertel gekürzt. Das führte von der Streichung einer geplanten Herbstproduktion bis zum freiwilligen Lohnverzicht der Mitarbeiter. Dem künstlerischen Engagement tat dies keinen Abbruch. Ostern 2004 konnte Glucks „Alkeste“ Premiere feiern und die Pfingstwerkstatt wird Jörn Arneckes „Drei Helden“, eine Farce für Musik, als Uraufführung vorstellen. Im Juni steht eine Werkstatt auf dem Plan, die das Lebenswerk des 95-jährigen Kurt Schwaen würdigen will. Und, ganz nebenbei (?), steht das Haus allein im ersten Halbjahr 130 Meisterkursen und Arbeitsphasen zur Verfügung.
Am 23. Mai wird der Kritikerpreis im Berliner GRIPS Theater der Musikakademie Rheinsberg überreicht. Dahinter stehen engagierte Menschen, die „mit den Ohren denken“.
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