Spieglein, Spieglein an der Wand


(nmz) -
Man sagt, die Kultur sei das Spiegelbild eines Landes. Mag heißen: Was der Mob draußen veranstaltet, ist die Umsetzung dessen, was der Krawattenträger vorgibt. Wie funktioniert das aber in der Praxis? Wagen wir einen Blick in den globalen Spiegel. Wie entwickelt sich die kommunistische Kultur und wie gestaltet sich die demokratische hinsichtlich der politischen Vorgaben an zwei ausgewählten Schauplätzen dieser Welt? Wer folgt seinen Politikern, wer bekämpft sie?
Ein Artikel von Sven Ferchow.

Ausgabe: 
9/08 - 57. Jahrgang

Brennpunkt China: Die Olympischen Spiele finden in einem Land statt, welches das freie Wort gerne mal mit Panzern niederwalzt. Massenchoreographien mit Menschen, die sich ähneln, als wären sie der himmlischen Brotbackmaschine entsprungen, bestimmen das Bild. Und funktionieren nach staatlich verordneten Kunstbefehlen. Kleine Mädchen mit schiefen Zähnen werden selektiert, weil sie als unzumutbar für das weltweite TV-Bild gelten. Das IOC nennt das „Eröffnungsfeier“. Einige Weichbirnige sprechen von höchstem Kulturgenuss. Doch wer ein erbostes Protestgebrüll der westlichen Kulturträger erwartete, wurde tief enttäuscht. Die wimmern nur, wenn man ihre Beihilfen kürzt und sie ihre Briefe wieder selbst frankieren müssen. Der Chinese indes interveniert und wendet sich einer völlig grotesken Kultur zu. Nämlich der in Amerika und Europa ausrangierten Popmusik. Künstler wie Public Enemy (USA), Suede (UK) oder die faktisch noch lebenden New York Dolls beherrschen die Bühne. Künstler, die man im Seniorenstift erwartet hätte. Bilanz: Die Chinesen wehren sich gegen verordnete Massenkultur.

Brennpunkt Deutschland: Einen Kulturminister gibt es hier nicht. Dafür Sigmar Gabriel. Der Staat erklärt restlos unschlüssig, was er für Kultur erachtet, und was nicht. Popmusik zum Beispiel. Als Hilfestellung gründet man eine Kultur-Enquete, die nicht Ausschuss heißen darf, aber die kulturelle Lage sondieren soll. Und jammert synchron über das Entrücken der deutschen Sprache. Dabei ginge es simpler. In Frankreich erfand Sarkozy mit Carla Bruni die angeheiratete Kultur. Hieße für Bayern: Beckstein ehelicht Hans-Jürgen Buchner von „Haindling“. Geht nicht, denn die CSU mag keine Homoehen. Es muss anders laufen: Die Fußball-Bundesliga wird durch den Volks-Tenor Paul Potts eröffnet. Der schmettert vor 69.000 grölenden Fans eine Arie, die keiner kennt und bei der er vom hohen C so weit entfernt ist wie China von der Demokratie. Dazu tanzen Menschen in Tortenkostümen sinnlose Schrittfolgen und wedeln debil mit brennenden Fackeln. Später wird die Nationalhymne geschrien. Begleitet vom Playback, das sicherheitshalber mit Text eingespielt wird. Das nennt dann nicht nur die ARD „Kultur“. Bilanz: Die Deutschen folgen ihren Politikern. Solange Kultur chaotisch, stumpfsinnig und schwammig genug ist, darf man sie auch zeigen. Es gab Momente während dieser Veranstaltung, da wünschte man sich wahlweise die chinesischen Panzer oder die 4.000 trommelnden Zwillinge zurück.

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