Sternstunden in einem Traumorchester

Das Bundesjugendorchester absolvierte seine 101. Arbeitphase


(nmz) -

Dreimal jährlich kommt das Bundesjugendorchester, ein Förderprojekt des Deutschen Musikrats, zu seinen Probenphasen zusammen. Jedes Mal werden mit neuen Dirigenten und (teilweise) neuen Mitgliedern neue Werke erarbeitet. In diesem Sommer war Blossin, ein kleines Örtchen in der Umgebung von Berlin, Schauplatz des zweiwöchigen Musikzaubers. Unter der Leitung von Eiji Oue erarbeitete das Bundesjugendorchester dort in seiner 101. Arbeitsphase Werke von Henze, Bernstein und Strawinsky. Ein Bericht von Marion Gut.

Ein Artikel von Marion Gut.

Ausgabe: 
9/04 - 53. Jahrgang

„9.30 Uhr Henze, 11.00 Uhr Bernstein 13.00 Uhr Mittagessen, 15.00 Uhr Strawinsky 18.30 Uhr Abendessen, 20.00 Uhr Kammermusikabend“ – so kann er aussehen, ein „ganz normaler“ Probentag aus der Arbeitsphase des Bundesjugendorchesters. Aber von Normalität ist dort nichts zu spüren. Jedes Mal verschieden, jedes Mal besonders sind für die Mitglieder des Bundesjugendorchesters diese Arbeitsphasen. Und dieses Mal macht es vielen außergewöhnlich viel Spaß. Begeistert ist auch Thorsten Gellings, seit vielen Jahren Schlagzeuger im BJO: „Eiji Oues Art die Musiker mitzureißen und zu begeistern ist wirklich einzigartig. Er schafft es, uns zu motivieren und alles zu geben. Diese Arbeitsphase gehört zu meinen Besten im BJO“.

Und dem schließen sich alle an. Betritt Eiji Oue das Podest, kommt er vor lauter Jubelrufen zunächst gar nicht zu Wort. Taucht er abends unerwartet auf einer Party auf, ist er der Mittelpunkt. Ein aufgeweckter Japaner, Energie versprühend bis zum letzten Ton, bis zum letzten Wort und bis zur letzten Runde. Die Orchestermitglieder unterhalten sich mit ihrem Dirigenten auf Englisch. Auch die Proben finden auf Englisch statt. Nur die Taktzahlen, die schleudert Oue dem Orchester schnell und präzise auf deutsch entgegen. Doch alle sind aufmerksam. Verpasste Einsätze kommen selten vor. Alle sitzen auf der Stuhlkante und wollen jeden Ton, jede Musikminute mit ihrem Dirigenten auskosten.

Auch Oue selbst ist enthusiastisch. Es macht ihm sichtlich Spaß. Mit Lob spart der Bernstein-Schüler nicht. „It’s fantastic, it’s great“ – und selbst wenn man manche amerikanische Übertreibung abzieht, merkt man, dass er tatsächlich begeistert ist. So sagt er: „Sie machen manchmal Fehler, aber das ist egal. Wichtig ist, dass sie in jedem Moment hier sein wollen. Sie wollen Musik machen und das ist der Unterschied zu der Routine in vielen Profiorchestern“. Dass Eiji Oue das Orchester während der Probephase für zwei Tage verlassen muss, gefällt manchem Orchestermitglied weniger. Doch Lorenz Nordmeyer, sein Assistent, führt die Proben weiter. Feilt an dem, wo der Maestro selbst noch nicht arbeiten konnte, arbeitet still und präzise und trägt so zu der Reifung des Programms entscheidend bei.

Nach zwei Wochen Einzel- und Tuttiproben heißt es dann Abschied nehmen von Blossin. Auf geht es zu Konzerten im barocken Ambiente der Galerie in den Herrenhäuser Gärten in Hannover, in der „Konzertscheune“ in Salzau, im Kurort Bad Kissingen und zum Abschluss in der Hauptstadt. Einmal quer durch Deutschland in sechs Tagen! Auf Schloss Salzau beim Schleswig-Holstein Musik Festival kommt es zu einer „Wiedervereinigung“ mit einer alten Bekannten, der „Deutschen Stiftung Musikleben“. Diese hat – mit Irene Schulte-Hillen an der Spitze – auch diesmal mit finanzieller Unterstützung zum Gelingen der Arbeitsphase beigetragen hat und war für die Organisation des Salzauer Konzertes federführend.
Doch auch diese Tournee nähert sich schnell ihrem Ende. Das letzte Konzert findet im Berliner Konzerthaus im Rahmen des Festivals „Young Euro Classic“ statt. Viele Mitglieder werden nach diesem Konzert das Orchester verlassen, werden ihr Studium aufnehmen – sei es Geige oder Jura – und neue werden dafür nachrücken.

Bei der Zugabe fliegen Blumen ins Publikum, die Solisten stehen auf, Celli drehen sich, und jugendlicher Übermut springt über. Davor lässt das Orchester den „Mänadentanz“ von Henze explodieren, verzaubert mit Leonard Bernsteins „Symphonischen Tänzen“ aus der „West Side Story“ das Publikum und zieht es mit „Le Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky in seinen Bann. Klaus Geitel schreibt in der Berliner Morgenpost: „Vielleicht hat Strawinsky sein Bäume ausreißendes Meisterwerk wirklich und wahrhaftig im Geiste für ein solches Traumorchester geschrieben“. Warum nicht?!

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