Unterrichtsbesuch in Venezuela

Keine Angst vor schweren Stellen, oder: wie funktioniert eigentlich das Sistema?


(nmz) -

Das gelobte Land der musikalischen Bildung heißt Venezuela. Diesen Eindruck kann man zumindest gewinnen, wenn man die euphorischen Berichte über das dortige Kinder- und Jugendorchestersystem FESNOJIV (Fundación del Estado para el Sistema Nacional de Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela) liest. Im April machten sich nun – vermittelt vom Deutschen Musikrat – 16 deutsche Musikerinnen und Musiker auf, das „Sistema“ aus unmittelbarer Nähe kennen zu lernen und es gleichzeitig vier Monate lang durch eigenes Unterrichten zu unterstützen.

Ein Artikel von Juan Martin Koch.

Uwe Müller, Oboist am Theater Regensburg, musste sich, wie wohl die meisten seiner Kollegen, zunächst auf ein anderes Organisationsverständnis einlassen. In den „nucleos“, den örtlichen Musikschulen, gibt es für den Unterricht keine festen Stundenpläne. Ob Einzel- oder Gruppenunterricht ansteht, entscheidet sich eben je nach Anwesenheit, die insgesamt deutlich höher ausfällt als hier. Manch einer, so erzählt Rudolf Wundling, Leiter der Nürnberger Musikschule, kommt dreimal die Woche zum Unterricht, zusätzlich stehen noch die Proben der Orchester in den verschiedenen Altersstufen an.

Diese schwanken in Anspruch und Qualität naturgemäß. Da gibt es etwa das Orquesta juvenil des Bundesstaats Carabobo, „ein sehr gutes Jugendorchester mit 120 Mitgliedern und einem Durchschnittsalter von etwa 17 Jahren“, so Rudolf Wundling, der vor allem als Dirigent tätig war. Und da wäre zum anderen das Orchester eines neuen nucleos, in dem die Kinder gerade einmal zwei bis drei Monate Unterricht hatten. „Da sind immer einer oder mehrere in einer Gruppe dabei, die überhaupt nicht spielen können, die nur das Instrument festhalten; aber die Mehrheit reißt es heraus, sodass halbwegs zufrieden stellende Ergebnisse herauskommen“, so Uwe Müller, der aber auch den Fall erlebt hat, dass ein begabter 16-Jähriger mit Vorkenntnissen auf der Blockflöte nach drei Oboenstunden schon sehr beachtlich mithalten konnte.

„Pfuschen können sie schon sehr gut“, meint Aische Wirsig, Kontrabass-Studentin an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule, dazu trocken. „Wenn sie mit Orchesterstellen kommen, die sie eigentlich gar nicht spielen können, kommt natürlich auch mal Murks heraus, und es ist dann nicht so einfach, das Unterrichtspensum gründlicher durchzuarbeiten. Da stößt man oft auf Unverständnis.“ Rudolf Wundling relativiert: „Natürlich gibt es da Haltungssachen, wo man lieber nicht hinschaut, aber das ist bei uns ja auch so.“ Entscheidend für ihn ist die größere Geduld gegenüber dem heranwachsenden Menschen, die er auch außerhalb des Musikbereichs beobachtet hat, und der unbefangene, musikantische Zugriff, den er sich auch für die Ausbildung in Deutschland wünscht. Überdies gebe es eben auch die Hochbegabten, mit denen auf hohem Niveau sehr genau gearbeitet werde.

Den eindeutigen Schwerpunkt auf der Orchesterarbeit – die nucleos wollen gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik schnelle Ergebnisse vorweisen – sieht er dabei als großen Pluspunkt: „Das Zusammenspiel von Anfang an motiviert die Kinder unglaublich. Rhythmusprobleme, die im Einzelunterricht nicht zu klären sind, erfahren in der Gruppe eine andere Form der Lösung.“ Auch den unbefangenen Umgang mit dem Repertoire („das Vivaldi-Doppelkonzert a-Moll mit 50 Kindern wäre bei uns schon fast ein Sakrileg“) sieht er gelassen und kann der Haltung einiges abgewinnen, die da lauten könnte: „Die Musik ist da, damit sie gespielt wird.“

Uwe Müller hat außerdem im Gruppenunterricht ein Phänomen beobachtet, das er aus seiner sonstigen Arbeit nicht kennt: „Schon zu Beginn, bei den Anfängern, ist es so, dass die Schüler sich gegenseitig helfen und korrigieren: Wer es schneller verstanden hat, zeigt es den anderen. Hier schalten die Kinder oft ab, wenn jemand etwas alleine spielt.“ Dass Fortgeschrittene die Anfänger regelrecht unterrichten, gehört ebenfalls zum venezolanischen Unterrichtssystem und kann unter Umständen zu Problemen führen, wie Aische Wirsig beobachtet hat: „Ein fortgeschrittener Schüler gab seine technischen Eigenheiten, die bei ihm gut funktionierten, an die anderen weiter; das konnte nicht gut gehen.“

Was nehmen die drei nun, stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen, mit nach Hause? Rudolf Wundling hofft auf weitere Impulse für die vielerorts anlaufenden Projekte zum Klassenmusizieren: „Wir müssten zu Schulstrukturen kommen, die es ermöglichen, dass mehr Kinder daran teilnehmen können und dass die Unterrichtsfrequenz erhöht wird.“ Für Uwe Müller sind es neben den Anregungen für die Unterrichtstätigkeit vor allem die musikalischen Eindrücke, die zählen: „Allein zu erleben, wie dort im Orchester musiziert wird, das ist schon inspirierend für das eigene Spiel.“ Aische Wirsig hat das improvisierende Unterrichten gelernt und blickt mit Anerkennung auf den unbefangenen Zugang der jungen Venezolaner zur Musik: „Die haben schon keine Angst.“

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