Verklärte Club-Nacht mit Arnold Schönberg

Das Yeah!-Festival bietet ein Forum für Musikvermittlung, muss sich aber selbst noch vermitteln


(nmz) -
Der Blick ins Zuschauerrund verrät: Da ist was schief gelaufen. Während das ans Radiofeature angelehnte Musikvermittlungsformat Concert remarquable des Musikwissenschaftlers Hans Christian Schmidt-Banse im saisonalen Regelbetrieb volle Säle garantiert, sind diesmal kaum fünfzig Gäste gekommen. Dabei hat sich das Yeah!-Festival für Arnold Schönbergs süffig-sinnliche „Verklärte Nacht“ etwas ganz Besonderes ausgedacht. In den angesagtesten, schicksten Osnabrücker Nachtclub, das Alando Palais, wurde Schmidt-Banses Erfolgsformat verlegt, dorthin, wo sich sonst junge Leute dicht gedrängt zu Discobeats in mehr oder weniger feinsinniger erotischer Anspielung üben. An sich ist das kein schlechter Ort für eine Geschichte von Verführung und Verfehlung, von Ehehölle und Ehebruch, die Schmidt-Banse mit Gattin und Co-Autorin Annette Kristina Banse um Schönbergs spätromantisches Werk baut.
Ein Artikel von Ralf Döring.

Mit musikwissenschaftlichen, gar akademischen Fragen halten sich die beiden Autoren nicht auf: Das würde dem Ansinnen des Concert remarquable widersprechen. Sie betten Schönbergs halbstündige Komposition in ein Umfeld aus Gedichtinterpretation und Beziehungsanalyse. Mithilfe von rund zwanzig Streichern des Osnabrücker Symphonieorchesters unter GMD Hermann Bäumer stellen die Autoren Richard Dehmels Gedicht der Musik gegenüber, lassen die Worte in den Tönen nachklingen, die Musik aus den Worten eine griffige Plausibilität ziehen. Im nächsten Schritt seziert das Autorenpaar den grauen Ehealltag der Schönbergs, der Mathilde Schönberg offenbar schnurstracks in die Arme des Malers Richard Gerstl getrieben hat. Ein kühnes, gleichwohl tragfähiges Konstrukt, um Musik einem erwachsenen Publikum nahezubringen. Nur leider blieb das Zielpublikum aus. Wie auch immer das aussehen soll.

Innerhalb des Festivals war der leere Club keineswegs ein negativer Ausreißer. Das „Quartett plus Eins“ bespielte die Daniel Libeskinds bedeutungsschwangere Architektur im Felix-Nussbaum-Haus sowie das Werk des jüdischen, in Auschwitz ermordeten Malers mit einem prickelnden Wandelkonzert, spannte den Bogen von jüdischen Gesängen über aserbaidschanische Mugams und Arvo Pärt bis hin zu einer Michael-Jackson-Adaption – vor rund 50, immerhin begeisterten Zuhörern. Und Marc Sinan ließ in „Oksus“ Filmaufnahmen usbekischer Volksmusik auf seine zeitgenössischen Kompositionen treffen – ebenfalls vor nicht mehr als ein paar Dutzend. Hat das Festival für Musikvermittlungsprojekte selbst ein Vermittlungsproblem?

Nun, zum einen könnte sich in der 160.000-Einwohner-Stadt eine gewisse Festivalmüdigkeit breit gemacht haben. Mit einem dreitägigen „Spieltriebe“-Festival eröffnete Anfang September Ralf Waldschmidt seine Intendanz am Theater Osnabrück. Vier Wochen später ging das Morgenland Festival über die Bühne, unmittelbar gefolgt vom Unabhängigen Filmfest – und trotz der unterschiedlichen Kultursegmente sind die Schnittmengen beim Publikum groß. Zum anderen scheint es aber dem Team um die Yeah!-Leiterin Ingrid Allwardt noch nicht gelungen zu sein, den sinnlichen Aspekt der Abendveranstaltungen zu vermitteln. So wurde in der Stadt viel über „Yeah!“ diskutiert – allerdings erst, nachdem die Frage geklärt war, was sich hinter dem Namen eigentlich verberge.

Besser geklappt haben die Kooperationen mit Schulen. Im Ratsgymnasium, einem ehrwürdigen Bau gleich neben dem Osnabrücker Schloss, erzählte Marc Sinan der versammelten neunten Jahrgangsstufe, wie er acht Wochen lang in der türkischen Schwarzmeer-Region und im anatolischen Hochland türkische und armenische Folklore auf Video sammelte. In einem zweiten Schritt brachte er, zusammen mit dem türkischen Perkussionisten Mustafa Boztüy, die Schüler in kurzer Zeit dazu, türkische Rhythmen zu klopfen, die in unserer westlichen Vierviertel-Welt mehr als ungewöhnlich sind. Das Ergebnis: Die Schüler messen das Fremde nicht mehr an den Parametern der eigenen Kultur, sondern begreifen es durchs eigene Tun in seiner Komplexität. Und plötzlich ist das Fremde gar nicht mehr so fremd. Annäherung durch Vermittlung mithin. 

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