Viel zu wenig Werbung für die Wertigkeit von Musik

Audience Development für Konzerthäuser und Festivals mit Musikschulen als Partnern


(nmz) -

Ilona Schmiel hat als Geschäftsführerin des Bremer Konzerthauses „Die Glocke“ (1998 bis 2002) einen Schwerpunkt auf Programme für ein nachwachsendes Publikum gesetzt. Seit 2004 ist sie Intendantin des Beethovenfestes Bonn und erweitert das Festivalprogramm auch in dieser Hinsicht. Der VdM lud sie als Referentin zum Thema Audience Development nach Essen ein. Im Gespräch mit der neuen musikzeitung skizziert sie ihre Konzepte.

Ein Artikel von Interview: Andreas Kolb.

Ausgabe: 
4/05 - 54. Jahrgang

neue musikzeitung: Frau Schmiel, wie definieren Sie den Modebegriff Audience Development?
Ilona Schmiel: Audience Development bedeutet ein altersunabhängiges Publikum zu entwickeln, zu fördern und zu fordern auf verschiedenen inhaltlichen Ebenen.

neue musikzeitung: Was werden die Themen Ihres VdM-Workshops sein?
Ilona Schmiel: Ich möchte in meinem Workshop zeigen, wie die Vermischung zwischen professionellen Institutionen und Ausbildungsinstituten auf der Ebene der Musikschule gelernt werden kann. Kooperationen zwischen Musikschulen und Veranstaltern müssen selbstverständlich werden. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die für alle Beteiligten sinnvoll sind. Es gibt zunächst Widerstände von Seiten der Festivals und Veranstalter. Hier gilt es, das Bewusstsein dafür zu bilden, dass wir diejenigen, die Musik ausüben, stärken. Deshalb müssen wir ihnen einen Raum geben, etwa in einem Festival. Den Schülern und jungen Menschen wiederum muss man klar machen, dass unser Musikbetrieb nur weiterlebt, wenn sie die Konzerte der Profis nutzen. Man kennt die Situation etwa aus der Chorbewegung: man geht zum eigenen Chor ins Konzert und vielleicht noch mal zum Konkurrenzchor. Und das war‘s! Andere Angebote sind wenig interessant. Dieses Verhaltensmuster sollte geändert und ein neues verankert werden.

neue musikzeitung: Festival und Musikschule – wie kann man diese Beziehung definieren?
Ilona Schmiel : Die Musikschule ist einer unserer wichtigsten Partner, weil sie eine große Menge von Menschen bündelt, die ein primäres Interesse an Musik haben. Wenn ich selbst diese Zielgruppe als Konzertbesucher eines Tages nicht mehr erreiche, wie komme ich dann erst an den Schüler, der vielleicht noch gar keine Affinität zur Musik hat?

neue musikzeitung: Wie kann man die positive Arbeit der Profis mit den Kindern, mit dem Nachwuchs, sichtbar machen?
Ilona Schmiel : Das Beethovenfest hat angefangen, mit der Bonner Musikschule zusammenzuarbeiten im Rahmen der „Bürger für Beethoven“-Konzerte. Ich möchte mit Teilnehmern im Workshop auch über Möglichkeiten diskutieren, wie man solche Modelle weiter vorantreiben kann.

neue musikzeitung: Wie kann überhaupt eine Zusammenarbeit funktionieren?
Ilona Schmiel : Ich werde die verschiedenen Modelle vorstellen, die mir vorschweben. Weiter wird ein Hauptaugenmerk im Workshop auf dem Erfahrungsaustausch liegen: An welchen Punkten klappte die Integration, wo gab es Probleme.

neue musikzeitung: Das Beethovenfest als Modell?
Ilona Schmiel : …eine Möglichkeit eines Modells. Wir bauen über die Jugendnachwuchskonzerte Ensembles ins Programm ein, die wir an bestimmten Orten in der Stadt präsentieren. Das sind zum einen Veranstaltungen, die vom Freundeskreis der Bürger für Beethoven ausgewählt werden und parallel zum Hauptprogramm des Beethovenfestes stattfinden. Ein weiteres Beispiel sind die Konzerte in der Lounge am Hauptsitz der Deutschen Post. Das ist eine feste Programmschiene an einem ausgewählten Wochentag, wo Musikschüler unterschiedlicher Altersgruppen auftreten, bei freiem Eintritt. Hier vermischen sich Festival, Musikschule und auch Sponsorenkontakte. Die Schüler sind außerdem einbezogen bei den Eröffnungskonzerten auf verschiedenen Bühnen in der Stadt. Oder sie nehmen beispielsweise an Workshops zu Erik Saties „Vexations“ teil. Dort treffen sie mit Künstlern zusammen und wirken je nach Level auch mit.

neue musikzeitung: Hans Werner Henzes „Cantiere Internationale del Arte“ in Montepulciano war einst ein Modell für die Kooperation zwischen Festival und Musikschule, zwischen Profis und den Bürgern. Streben Sie etwas Ähnliches an?
Ilona Schmiel : Man kann Modelle nicht einfach kopieren. Zuerst muss man über die örtlichen Rahmenbedingen sprechen, damit eine Kooperation erfolgreich wird. Was funktioniert hier in dieser Region bereits, was ist wichtig in der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit? Wo gibt es Widerstände und warum? Nach Klärung dieser Fragen kann und sollte man ein eigenes Profil entwickeln.

neue musikzeitung: Erfolgreiche Kooperationen sind auch für Musikschulen ein wichtiges Aushängeschild gegenüber den Geldgebern, der öffentlichen Hand und natürlich den Eltern.
Ilona Schmiel : Kooperationen sind keine Kann-, sondern Mussaufgabe eines Festivals. Wir machen viel zu wenig PR für die Wertigkeit von Musik, im Besonderen für ihre sozialen und kognitiven Komponenten. Wir haben hier eine gemeinsame Verantwortung innerhalb unserer Stadt und der gesamten Region übernommen. Käme es etwa in Bonn zu einer Bedrohung der Musikschule, wäre ich die erste, die dafür kämpft, dass in dieser Hinsicht nichts Negatives passiert.

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