Von den Kraftplätzen des modernen Jazz

Ein Bericht über zwei Klassiker: die Jazzfestivals Saalfelden/A und Willisau/CH


(nmz) -

„Well, I never been to Spain, but I kinda like the music, say the ladies are insane there... Well I never been to England, but I kinda like the Beatles, well I headed for...“

Ein Artikel von Roland HHBiswurm.

Sagen sie jetzt nicht: Montreux, Den Haag, München oder Stutt-gart, Ulrichsberg, Poschiavo, Nickelsdorf oder Wels – etliches war schon, manches kommt noch und was bleibt, ist der Zauber, das Ritual. Sind wir nicht alle irgendwie Gefangene unserer Gewohnheiten?
Da buchen brave Computermäuse, IT Freaks und andere Jazzisten jedweder Couleur ihren Jahresurlaub, um gegebenenfalls, wie eben jedes Jahr in Saalfelden und/oder in Willisau, abenteuerlich zu campen und an nächtlichen Feuern darüber zu fachsimpeln, ob das World Saxophone Quartet nun abekochter Mist ist oder nicht. Weil, so argumentieren sie, David Murray mit viel Brimborium darüber hinwegzutäuschen versucht, keine gescheite Intonation zuwege zu bringen. Weshalb also nach Saalfelden pilgern oder nach Willisau? Weshalb sind die beiden Orte verwandter, als ihnen lieb ist?

Beginnen wir mit den Anfängen, so wie sich’s gehört: Grafiker Niklaus Troxler veranstaltete im Juli 1966 das erste Jazzkonzert in Willisau, die Pinzgauer in Saalfelden mussten noch zehn Jahre auf ihre ersten Jazzhappenings warten.

Man darf nicht vergessen, dass im politisch und sozial unruhigen Klima der mittsechziger Jahre der Jazz landläufig als „entartete Kunst“ galt und es nachhaltig dem didaktischen Prophetismus etwa eines Joe Viera geschuldet sein dürfte, dass sich Twens nicht nur für Jimi Hendrix, sondern auch für Sonny Sharrock interessierten, nicht nur für Max Greger, sondern auch für John Tchicai oder Archie Shepp.

Wenn also Exponenten einer musikalischen Verheißung (zu denen Tchicai und Shepp zweifelsfrei gehören) irgendwo in Europa live zu erleben sind, ist die Pilgerfahrt zum Konzert nachgerade Pflicht. In diesem emotionalen Kontext sind die Festivals in Saalfelden und Willisau entstanden. Selbstredend gehört mehr dazu, als ausschließlich die Musik, wie die Aficionados glaubhaft bis heute versichern – etwa das Campleben, die wie auch immer definierte und individuell erlebte Gemeinschaft, die Natur drumherum.

Saalfelden etwa, am Steinernen Meer gelegen, verheißt auf der anderen Seite (on the other side of the street, wie die grande dame des Blues, Alberta Hunter einmal sang) den Königssee, den Watzmann , Sankt Batholomä: so mancher Jazzpilger ist schon via Riemannhaus die Passage übers Meer gegangen.

Ob‘s aus Kübeln schüttet oder ultraviolett knallt – egal – gute Musik ist gute Musik und basta, ob im Zelt oder aufm Rathausplatz oder im Wirtshaus Schatzbichl. Das war anders heuer in Saalfelden: Man ist nicht mehr im Zelt – Tourismuschef Christian Kresse spricht gar von der „Zeltstadt“ – sondern mittendrin in der Stadt. Das hat Vor- und Nachteile.

Wie soll das „Saalfelden Congress Centrum“ nun bespielt werden? – ein kühler, beinahe jazzophober Ort – und womit?

Der große Saal fasst gut 1.500 Zuschauer, die, als Abdullah Ibrahim das Primetime Konzert, Samstagabend, alleine bestreitet, andächtig mucksmäuschenstill sind und dem Kreateur des African Marketplace (Titel der gleichnamigen Platte aus dem Jahr 1980) freilich letztlich etwas enttäuscht einem potpourristischen Abfeiern seiner Hits lauschen. Aber das ist nicht weiter tragisch, Abdullah Ibrahim bleibt ein Held, wie James „Blood“ Ulmer auch, dem einstigen Hohepriester des harmolodischen funkigen Jatz. In Willisau eröffnete „Blood“ Ulmer das 32. Jazzfestival ebenfalls solo mit einer quasi bordünernen Blueskantate (programmgemäß im Geiste des Jimi Hendrix): seine gut zwölf Songs trug er mit dem stark an die Diktion des Sprechgesangs eines John Lee Hooker erinnernden Tonfall vor, durchwegs in einer Tonart.

Eingebettet in das allgegenwärtige Glockengeläut der diversen Willisauer Kirchen (samt Glockenspiel am Untertor), Willisau ist, so könnte dem Besucher hierbei auffallen, eine glaubensstarke, hochspirituell aufgeladene Gemeinde in der Zentralschweiz), bot so gleich das Eröffnungskonzert ein unglaublich berückendes Erlebnis, das in seiner Kontextur mehr mit Jazz zu tun hat, als anschließend das phonmächtige Aufblasen von Hendrix Melodien mit fünf Bläsern (zurecht entstanden nach diesem Konzertblock Debatten über das World Saxophone Quartett, siehe oben).

Und sonst? Hatten die Veranstalter noch vor Kurzem auf Saturday Night Fever gesetzt (was soviel bedeuten soll, wie Samstag nachts spielt das Lauteste, Tanzbodenaffinste, Laptopbewehrteste, aber noch nicht Bewährteste), so kamen beide Festivalprogramme nun wieder wie früher mit Anspruch.

Nik Bärtsch etwa mit seiner aktuellen Gruppe RONIN (was soviel bedeutet, wie verstoßener, eigensinniger Samurai, der doch nach dem Ethos der Gruppe lebt, ohne aber in ihr aufgehoben zu sein, also der Prototypus des Jazzmusikers) bot in Saalfelden und Willisau eine immer aufregende Transtanzmusik, die entfernt an die Patternkompositionen von Steve Reich erinnerte, während Steven Bernsteins SEXMOB eine stets risikobereite Mélange aus Filmmusikmelodien postmodernistisch verwurstete, diese dekonsruierte und mit Witz angereichert wieder ausspuckte.

Akustische Blicke durchs Schlüsselloch bietet seit je Niklaus Troxler am Samstag Nachmittag: Hier spannten Jack de Johnette, John Surman, Sylvie Courvoisier und Joey Baron unfreiwillig einen unglaublichen Bogen von beinah verbissen ernster Spiel(?)haltung und ungezwungenem Saturdayafternoon-Palaver. Steve Coleman & the five Elements oder gar eine, sagen wir mal Diana Krall präsentieren ihre, längst auf Tonträgern verfügbare Musik im „Saalfelden Congress Center“, während die Trouvaillen auf den Almen angesiedelt sind oder in griabigen Beiseln und Wirtsstuben – oder in der alten Stadtmühle Willisau: auch so einer der Orte, die zu entdecken sehr sehr lohnenswert ist.

Mit etwas Glück und Verstand am richtigen Platz dürften bis auf Weiteres Saalfelden und Willisau die Kraftplätze des Jazz bleiben.

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