Weg vom Museum und weg von der Guckkastenbühne
Die Potsdamer Tage der Neuen Musik für Kinder auf der Suche nach einem festen Haus
Ein Artikel von Andreas Kolb.
neue musikzeitung: Potsdamer Tage der Neuen Musik für Kinder – was steckt da für eine Idee dahinter?
Andrea Conrad: Die Grundidee ist die: Die Stadt Potsdam hat sich 2004/05 auf die „Stadt der Wissenschaft“ vorbereitet. In diesem Zuge bin auch ich 2005 nach Potsdam gekommen, allerdings in einem anderen Zusammenhang, mit dem Hölderlin-Zyklus. Ich habe aber dann parallel zu diesem Zyklus deutscher Geschichte die Initiative ergriffen und die Potsdamer Tage der Neuen Musik für Kinder unter dem Aspekt Wissenschaft und Kunst entstehen lassen. Wir fingen damals mit Kagel und Cage an und die junge Generation reagierte sehr positiv darauf.
nmz: Sie haben auch Neue Musik mit Naturwissenschaften in Verbindung gebracht. Wie das?
Conrad: Es ist viel zu wenig im Bewusstsein der Menschen, dass Potsdam tatsächlich eine Wissensstadt ist. Sie hat über 9.000 wissenschaftliche Mitarbeiter, die an 40 wissenschaftlichen Einrichtungen in Potsdam arbeiten. Darunter beispielsweise das Max-Planck-Institut, das Fraunhofer-Institut, ebenso das weltbekannte Geoforschungszentrum GFZ. Wir haben in dieser Stadt 25.000 studierende Menschen. Gemessen an der Einwohnerzahl von 150.000 sind das sehr hohe positive Werte.
6.000 Kinder musizieren in der Stadt oder haben Musikschulunterricht, lernen ein Instrument oder sind in Chören. Wenn man das alles zusammennimmt, dann ist das so ein enormes Potenzial, dass einem unweigerlich der Gedanke kommt, hier muss es ein Musiktheater geben, unter den Vorzeichen Wissenschaft und Kunst, so wie in der Renaissance
Leonardo da Vinci die Künste miteinander verband. Das Musiktheater Leonardo da Vinci haben wir dann 2007 im Hans Otto Theater uraufgeführt. Hier setzten wir Akzente und schufen einen geistigen Freiraum, wo man mal wegkommt von der Guckkastenbühne, wo man sagen kann, hier darf das Experiment, der Geist sich frei entfalten.
nmz: Es soll keine Guckkastenbühne und kein Museum sein. Was soll es dann sein?
Conrad: Es gibt einen Vorteil, den dieser jetzige Standort „Treffpunkt Freizeit“ für Kinder und Jugendliche hat: ein Kulturstandort mit einer Bühne, die erst 2005 für fast sieben Millionen Euro neu saniert worden ist, und dieser Raum ist multifunktional. Das heißt, es gibt keine feststehenden Sitzordnungen, es sind Module, die man im Raum bewegen kann, und damit lässt sich natürlich alles machen. Man kann den freien Raum, den Kosmos haben, man kann im Zentrum spielen, man kann es im Grunde genommen von allen Seiten bespielen.
nmz: Wo befindet sich der Raum?
Conrad: Am Heiligensee, einem sehr zentralen Ort. Wir haben auf der Stirnseite dieses alte Pionierhaus, das von den 50er-Jahren bis zur Wende existierte. Wir haben zur rechten Uferseite viel Prominenz – das scheint mir sehr wichtig zu sein, vielleicht sogar förderungsfähige Kräfte dort zu finden. Und auf der anderen Seite natürlich Cäcilienhof, ein großer historischer Ort, ich sage nur Potsdamer Abkommen.
nmz: Wer betreibt das Haus jetzt? Wie soll das in Zukunft aussehen?
Conrad: Bis Jahresende wird es noch von den Maltesern betrieben. Wie die Finanzierung sein wird, kann ich gerade selbst nicht sagen, da man mit Neuem stets noch ein wenig vor der Tür steht. Es gibt Personal, das wird von der Jugendhilfe finanziert und muss übernommen werden. Da beginnt die Arbeit, dass letztendlich Kunst auch als Hochkultur für Kinder angesehen werden muss und alle Mitarbeiter das Umdenken lernen. Darum müssen wir kämpfen und um neue finanztechnische Regelungen, man hat den Jugendhilfetopf und man hat den Kulturtopf. Aber hier müssten im Grunde genommen beide Töpfe funktionieren. Sollte diese große Chance vertan werden, sollte die Landeshauptstadt Potsdam eine zusammenführende Kultur GmbH in Betracht ziehen, wo Kinder-Musiktheater und -oper dann auch wieder einen akzeptierten Ort finden. Ob mein zukunftsweisendes Vorhaben gelingen wird, entscheidet die Stadt, denn derzeit sind mit 327.000 Euro auch Mitarbeiter finanziert, die man übernehmen wird, und für die Projekte ist kein Geld da. Kinderoper wird momentan in Potsdam überhaupt nicht finanziert, zumindest solange ich in Potsdam bin. Wir haben das mit hochprofessionellen Musikern, Schauspielern und Künstlern aller Sparten aus Berlin und Potsdam ehrenamtlich gemacht, um diesen Akzent zu setzen. Die Kulturverwaltung muss einsehen, dass das nicht mehr aufzuhalten ist, und dass man hochkarätige Kinderoper nicht mehr zum Nulltarif kriegen kann, denn zwei Uraufführungen großer Kinderopern stehen auf dem Plan und die Stadt hatte bislang durch uns eine Ersparnis von 500.000 Euro.
nmz: Gibt es schon Ideen für einen Spielplan?
Conrad: Es gibt momentan viele Vorgespräche, ob mit den Musikschulen der Stadt, oder auch mit Intersonanzen, die Reihe der Neuen Musik in Potsdam. Ich führe momentan mit vielen Einzelpersonen Gespräche, die alle sagen, sie kommen dann dazu, denn es ist ja allen etwas gemeinsam: Es herrscht zu diesem Thema eine Obdachlosigkeit. Der Intendant des Hans Otto Theaters Tobias Wellemeyer sagt, er wolle unser Netzwerk der Tage der Neuen Musik unterstützen, damit die großen Städte im Land Brandenburg in einen Austausch kommen bezüglich Kinder-Musiktheater, denn genügend Orchester hätten wir dafür im Land Brandenburg. Dennoch wagt er nicht den Schritt, so wie es sein Vorgänger Uwe Eric Laufenberg vorher getan hat, zu sagen: Wir machen das jetzt gemeinsam unter unserem Dach.
Das Gespräch führte Andreas Kolb
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